Deutschland
Geld der Zukunft

Die Deutschen und ihr Bargeld-Fetisch: Richtig - aber aus den falschen Gründen

Bundesinnenministerin Nancy Faeser will Bargeldzahlungen begrenzen und verweist in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von Bargeld in der internationalen Kriminalität. Dabei gäbe es bessere Gründe, den Umstieg auf digitale Bezahlmethoden kritisch zu sehen.
Können wir bald nicht mehr mit Bargeld bezahlen?
Innenministerin Nancy Faeser will Bargeldbezahlungen beschränken. Doch sind "mobile payment"-Angebote wirklich besser? Foto: Monika Skolimowska/dpa/Kaspars Grinvalds/Adobe Stock

Deutschland diskutiert über Bargeld – wieder einmal. Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte in der Bild am Sonntag gefordert, die Bargeldzahlungen auf maximal 10.000 Euro zu begrenzen. Sie möchte damit „kriminelle Strukturen […} zerschlagen und ihnen kriminelle Einnahmen konsequent […] entziehen“, so die SPD-Politikerin.

Kritik an dem Vorschlag gab es beispielsweise von der CSU - in Person von Bayerns Finanzminister Albert Füracker. Der Vorschlag Faesers sei unverhältnismäßig und würde Menschen in Deutschland unter Generalverdacht stellen. Dass ausgerechnet eine konservative Partei mit diesen Argumenten gegen verschärfte Gesetze in der Kriminalitätsbekämpfung vorgeht, legt nahe, dass es hier nicht in erster Linie um Kriminalitätsbekämpfung geht.

Sehnsucht nach der "guten alten Deutschen Mark"

Es geht vielmehr um einen deutschen Fetisch: Während im europäischen Ausland Bargeld bereits eine merklich kleinere Rolle im Alltag der Menschen spielt, greifen die Deutschen weiterhin lieber zu Münzen und Scheinen. Neuen Zahlungsmethoden, wie "mobile payment", steht man hierzulande skeptischer gegenüber und die andernorts allgegenwärtige Kreditkarte kommt in der Bundesrepublik seltener zum Einsatz. Wenn nun über die Begrenzung der Bargeldzahlungen diskutiert wird, geht es für viele Menschen um Grundsätzliches: „Hände weg von meinem Bargeld!“ Warum ist das so?

Wenn man die Liebe der Deutschen zum Bargeld verstehen will, muss man weniger auf den Euro als auf die Deutsche Mark blicken. Diese war jahrzehntelang Symbol deutscher Stabilität. Die DM und das deutsche Wirtschaftswunder haben die Nachkriegszeit geprägt. Für viele Menschen in Deutschland hat sich diese Erfahrung in die Erinnerung gebrannt: Bargeld bedeutet Sicherheit, Stabilität und Verlässlichkeit. Dabei stimmt dies nicht: Bargeld ist genauso viel oder wenig wert, wie digitales Geld. Die Inflation frisst beides gleichermaßen auf und in einem totalen Bankencrash verliert nicht nur das Geld auf den Konten, sondern auch jenes im Geldbeutel seinen Wert. 

Auch hinter das Thema Datenschutz muss man zumindest ein Fragezeichen setzen: Klar, wenn ich nur bar bezahle, kann ein Unternehmen kaum ein persönliches Kundenprofil von mir erstellen und mein Kaufverhalten auswerten. Andererseits gibt es mehr als 30 Millionen Payback-Karten in Deutschland und weitere Millionen anderer Bonuskarten, die dieses Ziel sowieso deutlich besser erfüllen. Und die werden oft auch von Kund*innen benutzt, die mit Bargeld bezahlen.

Wachsendes Monopol der US-Giganten

Und auch dass Bargeld weniger anfällig für Störungen ist als elektronische Zahlungsmethoden, darf man anzweifeln: Denn wenn der Strom im Einzelhandel ausfällt, mag zwar die EC-Karte nicht mehr funktionieren. Alles andere aber auch nicht - beispielsweise die elektronischen Kassen und Abrechnungssysteme.

Trotzdem sollte man der Abschaffung von Bargeld skeptisch gegenüberstehen. Zwar geht es nun vordergründig um eine von der EU vor Jahren in die Wege geleitete Initiative für „Beschränkungen der Barzahlungen“ zur Terrorbekämpfung. Allerdings darf man davon ausgehen, dass es einige Unternehmen gibt, die sich eine komplette Abschaffung des Bargelds wünschen. 

Mit Maestro wird ab 2023 auch die klassische EC-Karte in Deutschland langsam verschwinden. Die Zahlungsmethoden der Zukunft scheinen vor allem auf das „mobile payment“, also die Zahlung mit Smartphone und Smartwatch, hinauszulaufen.  Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Anbieter: Google Pay und Apple Pay. Die beiden Branchenriesen vereinen den Großteil der mobilen Bezahlvorgänge auf sich. Alternative Angebote, beispielsweise von Banken und Sparkassen, sind hingegen auf dem Rückzug.

Bargeldbegrenzung als "Trojanisches Pferd"

Nicht erst seit der Invasion Russlands in der Ukraine und der dadurch provozierten Energiekrise in Deutschland, ist klar: Sich von einem oder zwei Anbietern in einem Bereich abhängig zu machen, ist nicht wirklich klug. Genau dies passiert jedoch im Bereich „mobile payment“ zunehmend. In der Zukunft könnte uns das auf die Füße fallen.

Das Quasi-Monopol der großen US-amerikanischen Anbieter Apple und Google erzeugt dabei nicht nur eine technische Abhängigkeit von diesen Unternehmen. Es wird damit die Datensammelwut der beiden Technologie-Giganten weiter befeuert. Vor allem werden Anbieter von alternativen Bezahlmethoden zukünftig versuchen, mittels Gebühren für die Händler an jedem Bezahlvorgang mitzuverdienen. 

Die Beschränkung des Bargeldverkehrs unter dem Vorwand der Kriminalitätsbekämpfung ist in diesem Sinne eher ein „trojanisches Pferd“, mit dem die Bereitschaft der Menschen, bargeldlos zu bezahlen, weiter gestärkt wird. Denn die Zeiten, in denen Kriminelle kofferweise Bargeld umherfuhren, sind angesichts der zunehmenden Bedeutung von Krypto-Währungen sowieso vorbei.  

Es gibt also durchaus gute Gründe, die Entwicklung hin zu digitalen Bezahlmethoden kritisch zu sehen. Der nostalgische Verweis auf das angebliche sichere und stabile Bargeld gehört jedoch nicht dazu.