„Hier hat sich nicht irgendein vorlauter 22-jähriger Katastrophenpraktikant geäußert, sondern ein 62-jähriger, äußerst erfahrener Katastrophenschützer mit drei Jahrzehnten Berufserfahrung“, nimmt der renommierte Krisenforscher Frank Roselieb den BBK-Chef Ralph Tiesler in Schutz. Dieser würde den Katastrophenschutz in Deutschland wie kaum ein Zweiter kennen, so der Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung in einem Gespräch für den Focus. In den vergangenen Tagen hatte eine Aussage Tieslers über mögliche Winter-Blackouts in der Bundesrepublik für Aufsehen gesorgt - und auch die Reaktion seines Amtes. Denn das BBK pfiff den eigenen Chef zurück.

Für Roselieb wirft die Debatte ein schlechtes Licht auf die Arbeit der Katastrophenbehörde - deren Image nach dem gescheiterten Warntag 2020, dem Flop mit der Warn-App Nina und natürlich dem Chaos nach der Flutkatastrophe im Ahrtal ordentlich angeknackst ist. "Der Ordnungsruf des Amtes an seinen eigenen Präsidenten zur Unzeit", so Roselieb gegenüber dem Nachrichtenmagazin. Gerade in Krisenzeiten wie diesen müsse das BBK als glaubwürdige Institution bestehen - dafür würden auch der Bundesadler und die Deutschland-Fahne im Logo bürgen.

Blackout-Verwirrung beim BBK - Krisen-Experte unterstützt Behörden-Chef

Des Weiteren gibt Frank Roselieb dem BBK-Präsidenten in seinen Aussagen recht, auch wenn einige davon "missverständlich" gewesen seien. Der Krisen-Experte zitiert dafür eine Sonderanalyse der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber vom September. "In allen drei betrachteten Szenarien zeigt sich die Versorgungssituation im kommenden Winterhalbjahr äußerst angespannt - in Europa kann im Strommarkt die Last nicht vollständig gedeckt werden", heißt es laut Focus in dem Papier. "In den beiden kritischeren Szenarien treten in einigen Stunden Lastunterdeckungen auch in Deutschland auf."

Somit rechnet auch Krisen-Spezialist Roselieb mit einer kritischen Versorgungssituation im Januar und Februar. Dabei geht er mit der Bundesregierung und ihrem Krisenmanagement hart ins Gericht. Diese wolle "die Gesetze der Physik austricksen", statt auf die bewährten Grundsätze der Krisenprävention "Redundanz, Resilienz und Robustheit" zu setzen. Insgesamt bescheinigt der Fachmann: "Die 'Klarstellung' des BBK deckt sich leider mit dem fatalen Bild, das die Krisenpolitik der amtierenden Bundesregierung seit einiger Zeit erzeugt."

Vor allem kritisiert der Krisen-Experte, dass die Bundesregierung in der derzeit kritischen Lage blind auf die erneuerbaren Energien setzen möchte. So könne durch Wind- und Solarenergie keine "gesicherte Leistung" gewährleistet werden, die aber in der Krisenprävention entscheidend ist. Wind und Solar sind und bleiben laut Roselieb "Zufallsenergien. Die gesicherte Leistung ist folglich gleich null. Wer mittelfristig allein hierauf setzt, multipliziert oder addiert also null mit null - und geht bei einer 'Dunkelflaute' leer aus."

"Bundesregierung versucht Physik auszutricksen" - Wissenschaftler kritisiert Energiepolitik

Vor allem wird es in den Augen des Kieler Forschers kritisch, wenn weitere Vorhaben der Bundesregierung Hand in Hand gehen - namentlich ein Ausbau der Elektromobilität. "Hinreichende Speicherkapazitäten für die gesamte Bundesrepublik sind nach den Gesetzen der Physik in den nächsten Jahren nicht annähernd realisierbar", warnt Roselieb. Ihm zufolge hilft da nur ein "redundanter Mix verschiedener Energieträger". Besonders sicher seien da von den Erneuerbaren die Wasserkraft, ansonsten Gas, Kohle, Öl und Atom.

Mehr zum Thema: