Viel wird in diesen Tagen geraunt über den Weltuntergang: Ist der Zeiger der Doomsday Clock nicht eben erst wieder vorgestellt worden? Die trübe Lust an der Apokalypse wird befeuert von Klimakatas-trophe, Atomkriegsszenarien ... doch dass 2008 die globale Ökonomie am Rande des Zusammenbruchs stand, ist aus der medialen Präsenz verschwunden. Dabei wurden z. B. in Hamburg die Geldautomaten leergeräumt, Schwarzer Freitag überall.
Finanzkrise auch auf den Bühnen. Andreas Veiel untersucht in "Himbeerreich" die Befindlichkeiten der Banker, Klaus Kusenberg machte aus Lucy Prebbles "Enron" in Nürnberg vor einigen Jahren eine saftige Revue. Sibylle Broll-Pape und ihr Dramaturg Olivier Garofalo gehen in Stefano Massinis "Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie" einen anderen Weg. Ein Schauspielerkollektiv mit changierenden Rollen arbeitet sich durch die glücklicherweise gekürzte Textmasse Massinis.
Die Geschichte ist nicht ganz unähnlich derjenigen, die Thomas Mann in seinen "Buddenbrooks" schildert. Drei jüdische Brüder, Auswanderer aus dem fränkischen Rimpar, gründen in Alabama einen Textilwarenladen, steigen in den Baumwollhandel ein, das Geschäft mutiert zur Bank, der Clan profitiert in allen Krisen vom amerikanischen Bürgerkrieg über die Weltwirtschaftskrise bis zu den Weltkriegen und darüber hinaus. Schließlich wird die Investmentbank an American Express verkauft. Aus. Das interessanteste Kapitel, Ausbruch und Verlauf der Finanzkrise ab 2007, spart das Stück aus.
Wenn Massini, der angeblich drei Jahre recherchiert hatte, mit seiner Mehrgenerationengeschichte eine Art Kapitalismuskritik beabsichtigt haben sollte, ist ihm das nur bedingt oder kaum gelungen. Wie auch, Karl Marx brauchte für seine drei Bände "Kapital" ein Leben und kam nicht an ein Ende. Immerhin war für ihn das Movens kapitalistischer Dynamik nicht menschliche "Gier" oder die Trennung zwischen guter Wertschöpfung und raffendem Finanzkapital. Denn zunehmend unbehaglich registriert man, wie die jüdische Herkunft von Heyum (Harry), Mendel (Emanuel) und Mayer Lehman(n) akzentuiert wird. In Zeiten verschwörungstheoretischen Geraunes von "Ostküste", "Wall Street" oder anonymen Strippenziehern liegen antisemitische Klischees nicht weit entfernt.
Brav hangelt sich die Erzählung an der Historie entlang. Wir sehen die Ankunft Heyums in Amerika und wie er zu Harry wird, wir erleben den Einstieg der Lehmans in den Baumwollhandel, den Aufstieg im und nach dem Bürgerkrieg, den Eisenbahn-Boom, den Schwarzen Freitag, die Finanzierung des "King-Kong"-Films, Computer und Unterhaltungsindustrie, McCarthy-Ära, schließlich die Machtergreifung der "Trader" ("Geld für Geld") in einem deregulierten Finanzsystem.


Spartanische Bühne

Das alles auf einer spartanisch mit Tisch und Stühlen ausgestatteten Bühne (Trixy Royeck), flankiert von perspektivisch verzerrten Metropolis-Kulissen, die an einen Holzschnitt Frans Masereels aus dem Zyklus "Die Stadt" erinnern. Große Schauspielerleistungen immerhin, auch mit reichlich Applaus belohnt, sind zu sehen. Sechs Protagonisten (zwei Frauen darunter) wechseln die geschätzt 30 Rollen rasend schnell, ein virtuoser Musikus (Thomas Prestin) zitiert auf Klarinette und Saxophon Mozart und Brahms, Gershwin, das Star Spangled Banner oder immer wieder mal eine Art angeschrägten Zeitlupen-Klezmer.
Schlaglichtartig, in Dutzenden von Szenen sehen wir den Aufstieg der Familie, deren psychische Veränderungen und Deformationen. Hartnäckig wirbt Emanuel Lehman um Pauline Sondheim, so wie sich sein Sohn Philip ein Punktesystem für eine geeignete Gattin ausdenkt. Besonders eindringlich gespielt wird z. B. eine Episode, in der es um Obligationen für den Eisenbahnbau geht. Nichts in dieser Inszenierung soll vom Text ablenken. Auch die sachte kommentierenden Videoprojektionen Manuela Hartels bleiben dezent. Doch gerät der Wechsel zwischen Kommentar und Spiel des Öfteren zum Hörspiel, so wie Massinis Wirtschaftsdrama Gefahr läuft, zu "Dallas" auf höherem Niveau zu degenerieren.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen
31. 1., 15.-17. 2., 23./24. 2., 23./24. 3. Karten Tel. 0951/873030 oder per E-Mail an kasse@theater.bamberg.de
Dauer
ca. 2 Std., 30 Minuten, eine Pause