Die Inflationsrate in Deutschland steigt immer weiter. Im Oktober 2022 lag sie laut Statistischem Bundesamt bei 10,4 Prozent. Vor allem die Preisanstiege für Lebensmittel bekommen die Verbraucher*innen zunehmend zu spüren. Denn spätestens beim Einkaufen im Supermarkt oder Discounter wird klar: Wir bekommen immer weniger Ware für unser Geld.

Der Verbraucherpreisindex zeigt, bei welchen Nahrungsmitteln es besonders schlimm ist. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist im Oktober der Preis für Pflanzenöl am stärksten gestiegen, um rund 80 Prozent. Butter kostet 55 Prozent mehr und Zucker rund 42 Prozent. Die Preise für Margarine und Pflanzenfett sind um fast 40 Prozent gestiegen. Und auch fettarme Milch kostet 35 Prozent mehr. Vor allem Grundnahrungsmittel sind also von der Teuerung betroffen.

Nutzen Händler die Inflation aus? Aldi und Lidl geben überhaupt keine Auskunft

Die Händler selbst geben die unterschiedlichsten Auskünfte, wieso die Preise so stark steigen. Das Politikmagazin "Kontrovers" des Bayerischen Rundfunks (BR)  hat die großen Supermarktketten dazu befragt: Aldi antwortete erst gar nicht, Lidl gab an, keine Auskunft über die Preisgestaltung zu geben. Rewe verwies auf die gestiegenen Rohstoffpreise und Edeka nannte die hohen Energiepreise als Grund. 

Die Verbraucherzentralen sehen diese Argumente kritisch. Es gebe Hinweise, dass der Handel die Preise für Lebensmittel über die gestiegenen Kosten hinaus anziehen will. "Bei vielen Produkten greifen die Faktoren, bei denen sich die Kosten so erhöht haben, wie zum Beispiel die Energie, noch gar nicht", sagt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern im Gespräch mit "Kontrovers". Kurz erklärt, bedeutet das: "Warum ist das Brot jetzt schon so viel teurer, wenn die Energiekosten noch gar nicht so hoch gestiegen sind?", so Krehl.

Die Supermärkte schieben die Schuld dabei gerne auf die Hersteller. Aus Sicht der Verbraucherschützerin ergibt das wenig Sinn. Edeka zum Beispiel nehme gerade bestimmte Markenprodukte aus dem Sortiment und setze verstärkt auf Eigenmarken. Edeka gewinne dadurch umso mehr: Zum einen müssen sie sich nicht auf die aus ihrer Sicht zu hohen Preise der Marken einlassen, zum anderen fällt der Zwischenhändler weg - unter dem Strich kann Edeka deutlich mehr Geld machen.

Auch "günstige" Eigenmarken werden teurer

Die Eigenmarken der Supermärkte sind zudem keineswegs von den Preissprüngen verschont geblieben. Eine Datenanalyse der "Lebensmittelzeitung" hat ergeben, dass die Preise der vermeintlich günstigeren Produkte um mehr als 20 Prozent gestiegen sind. Im Durchschnitt wurden die Preise für Marken wie "Ja" (Rewe), "gut & günstig" (Edeka) oder "K-Classic" (Kaufland) rund doppelt so stark erhöht wie die Preise für Markenprodukte.

Das Ifo-Institut in Dresden hat ebenfalls die Entwicklung der Verbraucherpreise untersucht und mit den Beschaffungs- und Vorleistungskosten der Hersteller verglichen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Preiserhöhungen nicht durch die gestiegenen Kosten für die Unternehmen gerechtfertigt werden kann. Der Ökonom Joachim Ragnitz spricht von einer Art "Gewinn-Inflation". In einigen Branchen würden Unternehmen die Inflation ausnutzen, um ihre Gewinne auszuweiten. Damit hätten sie "die Inflation auf der Verbraucherstufe sogar noch verstärkt", schreibt Ragnitz in der Zeitschrift "ifo Dreden berichtet". 

Besonders in der Landwirtschaft und im Handel sei das zu sehen, aber auch im Baugewerbe und der weiter verarbeitenden Industrie. In der Landwirtschaft sei es laut Ragnitz noch verständlich, dass die Preise stärker angezogen haben. Denn landwirtschaftliche Rohstoffe werden meistens global gehandelt. "Viele Güter hier haben sich nicht zuletzt aufgrund der durch den Ukraine-Krieg hervorgerufenen Verknappung weltweit verteuert", so Ragnitz. Dazu gehört zum Beispiel Getreide. Weniger leicht erklärbar sei es hingegen, dass die Preise im Bau und im Handel so stark zugelegt haben. Die Orientierung an Weltmarktpreisen scheide dort aus. "Dies lässt nur den Schluss zu, dass hier offenbar viele Unternehmen die Gunst der Stunde genutzt haben, über die Verteuerung der Vorleistungsbezüge hinaus ihre Preise anzuheben", schreibt der Ökonom.

Unternehmen nutzen Krise aus: Sind Preisgrenzen für Nahrungsmittel eine Lösung?

Der Präsident des Handelsverbandes Bayern, Ernst Läuger, gab im Gespräch mit "Kontrovers" zu: "Im Einzelfall kann das vorkommen, aber die Unternehmen treiben das nicht systematisch voran." Zur Preissteigerung bei den Eigenmarken verwies Läuger darauf, dass die Handelsketten bei Eigenmarken-Produkten ebenso mit gestiegenen Erzeugerpreisen konfrontiert sind wie andere Produzenten. Eine Preisbremse wie bei Gas und Strom lehnt der Handelsverband jedoch ab. In anderen EU-Ländern gibt es bereits Preisgrenzen für Grundnahrungsmittel. "Das ist letztlich eine politische Entscheidung, die aus unserer Sicht in den Markt eingreift", so Läuger.

Lässt es sich also überhaupt verhindern, dass Unternehmen aus der Krise Kapital schlagen? Von Vorschlägen wie Preisbremsen oder einer "Übergewinnsteuer" hält auch Joachim Ragnitz nichts. Die hohe Inflation sei kein Grund für den Staat, einzugreifen. Eine Übergewinnsteuer sei auch rechtlich nicht durchsetzbar. "Das wird man aus ökonomischer Sicht nur einschränken können, indem man den Wettbewerb erhöht", sagt Ragnitz dem BR. Auch die Verbraucher*innen können Einfluss nehmen, schreibt er in seinem Bericht. Und zwar indem sie ihr Kaufverhalten anpassen und so die Unternehmen ebenfalls unter Anpassungsdruck stellen.

Die Bundesregierung hat ein drittes Entlastungspaket im September 2022 beschlossen. Welche Maßnahmen in diesem festgelegt sind, kannst du hier nachlesen: