• Die Gaspreisanpassungs-Verordnung ist auf den Weg gebracht
  • Die Systemrelevanz der Energie-Beschaffer: Angst vor dem Lehman-Brothers-Effekt
  • Wie hoch soll die Gas-Umlage ausfallen?
  • Die regionalen Energieversorger drehen ebenfalls an der Preisschraube
  • Was sagen die Kritiker?

Knapp die Hälfte der insgesamt 40,6 Millionen Wohnungen in Deutschland nutzen Erdgas als Energieträger. In Bayern ist der Anteil der Gasnutzer mit 35 Prozent etwas geringer. Den Bewohnern droht ein schwieriger Herbst. Neben der angekündigten Gas-Umlage flattern jetzt immer öfters die Preiserhöhung der regionalen Gasanbieter ins Haus. Die unangenehmen Briefe nicht aufzumachen, ist aber keine gute Idee. 

Die Gaspreisanpassungs-Verordnung ist auf den Weg gebracht

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) hat die Ressortabstimmung zur Umsetzung einer Umlage nach § 26 Energiesicherungsgesetz (EnSiG) eingeleitet. Noch im August will das Bundeskabinett die "Gaspreisanpassungsverordnung – GaspreisanpassV" verabschieden. Ab dem 1. Oktober soll sie in Kraft treten und am 30. September 2024 wieder auslaufen. Im Kern geht es um die Einführung einer Gaspreisabgabe, und zwar für alle Kund*innen, egal welchen Vertrag sie haben. Da die Umlage erst ab dem 1.10.2022 greift, müssen die Gasimporteure bis dahin die auflaufenden Defizite selbst tragen.

Warum ist das nötig? Gasimporteure wie Uniper, VNG, RWE und Wingas sind in wirtschaftliche Turbulenzen geraten, weil aus Russland das vertraglich zugesagte Gas nicht mehr in den Speichern ankommt. Gazprom reduzierte die Menge über die Nord Stream 1 Pipeline zunächst auf rund 40 Prozent. Nach Abschluss von turnusmäßigen Wartungsarbeiten im Juli gab es wenige Tage das niedrige Niveau von 40 Prozent, um es dann auf 20 Prozent abzusenken, ohne dass es hierfür einen technischen Grund gab.

Um ihre vertraglichen Verpflichtungen gegenüber den Abnehmern (meistens die Stadtwerke) erfüllen zu können, müssen die Großhändler das fehlende russische Erdgas auf dem Weltmarkt einkaufen. Dafür müssen sie deutlich mehr bezahlen, als für das vergleichbar billige Gas aus Russland. Hinzu kommt, dass die schwierige Liefersituation sich immer stärker in höheren Gaspreisen zeigt. Der Spottpreis an der Leipziger Energiebörse EEX ist für alle Käufer*innen relevant, die sich nicht über langfristige Lieferverträge genügend Gas gesichert haben, sondern nun tagesaktuell zukaufen müssen. Die entsprechenden Preise haben sich seit Anfang 2021 mehr als verzehnfacht. So kostet Gas am European Gas Spot Index derzeit rund 215 Euro (Stand am 28.7.2022) je Megawattstunde (MWh). Die Umlage soll den Gasimporteuren jetzt aus der Patsche helfen. 90 Prozent jener Zusatzkosten, die sie haben, weil sie sich fehlendes russisches Gas auf dem Weltmarkt beschaffen müssen, sollen sie ersetzt bekommen. Diese gewaltige Spritze soll sie von der Insolvenz retten.

Die Systemrelevanz der Energiebeschaffer: Angst vor dem Lehman-Brothers-Effekt

Dass der Staat den Gasimporteuren die hohen Zusatzkosten abnimmt, hat einen Grund und der heißt: Lehman Brothers. Die US-Investmentbank Lehman Brothers war wegen ungedeckter Kredite in Verlusten versunken. Die Pleite am 15. September 2008 wuchs - wegen der weltweiten Vernetzung der Finanzmärkte - zu einer globalen Banken- und Finanzkrise heran. Geldhäuser machten Milliardenverluste, etliche wurden mit Steuermilliarden gerettet.

Wirtschaftsminister Robert Habeck sieht durch die russische Energiepolitik die Gefahr einer Energiekrise, die so weite Kreise ziehen könnte, wie der Zusammenbruch von Lehman Brothers. "Da die Energieversorger Verluste anhäufen, weil sie gezwungen sind, hochpreisige Mengen abzudecken, besteht die Gefahr von Spillover-Effekten (auch Übertragungseffekte genannt, bei dem ein Zustand einen anderen Zustand beeinflusst) für lokale Versorgungsunternehmen und deren Kunden, einschließlich Verbrauchern und Unternehmen", sagte Habeck. "Wenn dieses Minus so groß wird, dass sie es nicht mehr verkraften können, droht der ganze Markt irgendwann zusammenzubrechen", sagte er auf einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in Berlin. "Also ein Lehman-Effekt im Energiesystem."

Gemeint hat Habeck folgende Kette: Die Gasgroßhändler wie Uniper, VNG oder Wingas beliefern irgendwann nicht mehr die Stadtwerke, die Stadtwerke nicht mehr die nachgelagerte Kundschaft, und dann kann man sich vorstellen, was in Deutschland passiert. Gerhard Schick, Finanzexperte der Grünen, hat errechnet, was die Lehman-Krise die Deutschen gekostet hat: 59 Milliarden Euro. Und da noch nicht alle Hilfen ausgelaufen sind, könnte sich die Gesamtsumme noch auf bis zu 68 Milliarden Euro erhöhen. Für ihn ist das eine verheerende Bilanz. Eine vierköpfige Familie habe dann mehr als 3.000 Euro in Pleitebanken gesteckt.

Wie hoch soll die Gas-Umlage ausfallen?

Und wie hoch soll diesmal die Umlage sein? Dazu schweigt sich der Verordnungs-Text aus. Dort heißt es nur: "Die Höhe der Umlage hängt von der Zahl und Höhe der geltend gemachten finanziellen Ausgleichsansprüche ab. Die Höhe der Umlage soll bis Mitte/Ende August 2022 auf der Homepage von THE (Trading Hub Europe) veröffentlicht werden."

Auf 1,5 bis 5 Cent je Kilowattstunde (kWh) bezifferte Wirtschaftsminister Robert Habeck sie vergangene Woche. Das ist eine gewaltige Spanne. Check24 hat aus diesen Angaben Modellrechnungen erstellt, die du für alle Varianten (zum Beispiel für einen Single-Haushalt oder als Ehepaar) anschauen kannst. Hier die Modellrechnung einer Familie mit 2 Kindern, die auf 180 Quadratmetern wohnen und 20.000 kWh Gas pro Jahr verbrauchen. Die Gas-Umlage schlägt dann in Zukunft pro Jahr so zu Buche:

  • bei 1,5 Cent je kWh: 357 Euro Gas-Umlage pro Jahr 
  • bei 2,0 Cent je kWh: 476 Euro Gas-Umlage pro Jahr
  • bei 2,5 Cent je kWh: 595 Euro Gas-Umlage pro Jahr
  • bei 3,0 Cent je kWh: 714 Euro Gas-Umlage pro Jahr
  • bei 3,5 Cent je kWh: 833 Euro Gas-Umlage pro Jahr
  • bei 4,0 Cent je kWh: 952 Euro Gas-Umlage pro Jahr
  • bei 4,5 Cent je kWh: 1.071 Euro Gas-Umlage pro Jahr
  • bei 5,0 Cent je kWh: 1.190 Euro Gas-Umlage pro Jahr

Die regionalen Energieversorger drehen ebenfalls an der Preisschraube

Es kommt aber nicht nur die staatlich verordnete Gas-Umlage, sondern ebenso die Preiserhöhung deines regionalen Anbieters. Gas-Preis-Beobachter bei Check24 und Verivox haben alle Hände voll zu tun, um die ihre Datenbank mit den Gaspreisen aktuell zu halten. Die Verbraucherportale kommen derzeit kaum hinterher, die angekündigten Preiserhöhungen von Gasversorgern in ihre Tabellen einzupflegen. 540 Preiserhöhungen registrierte Check24 allein im März. Am stärksten sind die Preise für das Heizen gestiegen – um 145 Prozent. Im Juli 2021 musste der Musterhaushalt im Schnitt pro Jahr für Gas und Heizöl noch 1.332 Euro aufwenden, aktuell sind es bereits 3.266 Euro.

Wie die Gasversorger konkret rechnen, zeigt jetzt RheinEnergie, einer größten Regionalversorger. Er hat kalkuliert und schockiert mit dem Ergebnis seine Kundschaft. Zusätzlich zur geplanten staatlichen Gas-Umlage sollen die Preise für Erdgas von 7,87 Cent pro Kilowattstunde (kWh) auf 18,30 Cent zum 1. Oktober 2022 steigen. Und so rechnet das Energieunternehmen ihren Kund*innen vor:

  • In einer Kölner Wohnung mit 10.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch erhöhen sich die Jahreskosten auf rund 2.002 Euro (vorher: rund 960 Euro), das ist eine Steigerung um etwa 108 Prozent.
  • In einer großen Wohnung oder einem kleineren Einfamilienhaus mit 15.000 Kilowattstunden Jahresbedarf betragen die neuen Jahreskosten rund 2.918 Euro (vorher: rd. 1.353 Euro), das sind knapp 116 Prozent mehr.
  • Fernwärme: Betrug der durchschnittliche Fernwärmepreis im Jahr 2021 noch rund 407 Euro pro Jahr in einer Kölner Durchschnittswohnung, so steigt er jetzt auf rund 705 Euro/Jahr im Jahr 2022, wobei die voraussichtliche Preisanpassung zum 1. Oktober 2022 hier bereits eingerechnet ist. Das entspricht einem Anstieg von rund 73 Prozent. 

Zur Begründung führt das Unternehmen an: "Ursache dafür ist eine fast 450-prozentige Steigerung der Beschaffungskosten für Erdgas im Vergleich der Beschaffungsperiode 2021/22 zu 2022/23. Trotz eines Systems der langfristigen kontinuierlichen Beschaffung führt dies zu erheblich steigenden Preisen".

Was sagen die Kritiker?

Ulrich Schneider, Haupt­geschäfts­führer des Paritätischen Gesamtverbandes, findet die Idee einer Gas-Umlage gar nicht gut: "Es kann nicht angehen, dass Krisengewinnler nunmehr auch noch von jedem Einkaufsrisiko freigestellt werden", sagte Schneider dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Schneider fordert eine "Übergewinnsteuer für Unternehmen, die mit Krieg und Krisen außergewöhnlich hohe Erträge erwirtschaftet haben und weiter erwirtschaften".

DGB-Chefin Yasmin Fahimi sagte ebenfalls dem RND, dass die Gewerkschaften auf eine Entlastung für alle Privathaushalte drängen, um die Kosten durch die Gas-Umlage abzufedern. "Wir wollen eine Preisgarantie für den Grundbedarf der Privathaushalte, der sich am durchschnittlichen Verbrauch des letzten Jahres orientiert", sagte Fahimi. Für jeden Verbrauch, der darüber hinausgehe, wäre der Marktpreis zu zahlen. Damit würde ein stärkerer Anreiz zum Sparen gesetzt, statt nur Frust zu erzeugen. Fahimi verteidigte die Umlage. "Die krisenbedingten Mehrkosten nicht nur auf einzelne Gaskunden abzuwälzen, ist richtig", sagte sie. 

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, hält die Gas-Umlage ebenfalls für "richtig und notwendig", erklärte er der Rheinischen Post. Damit vor allem Unternehmen und auch Bürger dort, wo es möglich sei, dringend notwendige Einsparungen vornehmen würden. Er fordert aber zugleich ein drittes Entlastungspaket für Menschen mit mittlerem und geringem Einkommen. Ansonsten würde die "Weitergabe zur sozialen Katastrophe führen." 

Fazit

Die angekündigten Preiserhöhungen der Energielieferanten in den Regionen und die Gas-Umlage sind ein gewaltiger Schock für die Gasendkund*innen. Mit etwas gutem Willen, kalt Duschen und zwei oder drei Grad weniger Zimmertemperatur im Winter ist es vermutlich nicht getan. Das wird ein teurer Herbst und Winter. Dass die Bundesregierung den Weg über die kollektive Gas-Umlage wählt, statt die Preisweitergabe individuell zwischen den beteiligten Lieferanten und ihrer Kundschaft, ist sicherlich richtig. Warum sie allerdings nicht die Rettung der Gasimporteure aus Steuermitteln übernimmt, so wie in der Bankenkrise durchexerziert, bleibt unklar.