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Kfz-Gutachten nach einem Unfall: Darauf musst du achten

Unser Ratgeber im Schadensfall bei einem Kfz-Unfall informiert in 10 Fragen und Antworten über die wichtigsten Punkte zum Kfz-Gutachten und Kostenvoranschlag.
Foto: CC0 / Pixabay / loufre
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  • Ist ein Gutachten nach dem Kfz-Unfall sinnvoll?
  • Genügt ein Kostenvoranschlag der Werkstatt?
  • Was steht in einem Kfz-Gutachten?
  • Wer zahlt das Gutachten?
  • Wer sollte den Gutachter bestellen?

Bei einer Schadensregulierung teilt die Versicherung häufig mit, dass du kein Kfz-Gutachten benötigst, sondern ein Kostenvoranschlag mit Fotos ausreichend sei. Das kann ein cleverer strategischer Schachzug sein, der fast immer zum Vorteil der Versicherung ist. Deshalb solltest du genau abwägen, ob es nicht sinnvoll ist, einen neutralen Kfz-Gutachter bei einem Unfall zu beauftragen.

Ist ein Gutachten nach dem Kfz-Unfall sinnvoll?

Bei einem größeren Schaden und bei einem Wagen, der technisch und optisch in einem guten Zustand ist, sollte der Geschädigte immer auf ein Gutachten bestehen. 

Vorteil des Gutachtens: Es ist ausführlicher, für den Kfz-Halter sicherer, aber eben auch teurer. Ab einer geschätzten Schadenshöhe von über 750 Euro bezahlt die gegnerische Kfz-Versicherung das Gutachten. Es darf nur von einem unabhängigen Sachverständigen erstellt sein, der nicht weisungsgebunden ist. Er oder sie muss in seinem Gutachten die Schäden exakt und ausführlich so beschreiben, dass auch ein Laie die Ausführungen versteht. Das Gutachten ist detailreich und nicht an eine bestimmte Werkstatt gebunden. Einen Unfallgutachter zu beauftragen ist für den Kfz-Halter also durchaus von Vorteil.

Eine Variante kann das Kurzgutachten sein: Es ist in jedem Fall eine gute Absicherung und besser als nichts. Dabei handelt es sich um die "schmalste Variante" eines Sachverständigengutachtens. Im Fall eines Bagatellschadens ist es eine solide Alternative zum Kostenvoranschlag.

Ist ein Kostenvoranschlag der Werkstatt nicht ausreichend?

Schäden unterhalb von 750 Euro gelten als Bagatellschäden, für die ein Kostenvoranschlag einer Werkstatt reicht. Ein Kostenvoranschlag ist das verbindliche Versprechen einer Werkstatt eine Reparatur zu einem bestimmten Preis durchzuführen. Er besteht lediglich aus einer Kalkulation und ermittelt keine weiteren, für die Schadenabwicklung relevanten Werte. So fehlt die Berücksichtigung der individuellen Gegebenheiten des jeweiligen Falls (Werterelationen, Fahrzeugalter, mögliche Reparaturwege, Wertverbesserung, etc.).

Ein Kostenvoranschlag ist eine unsichere Möglichkeit einen Schadennachweis zu führen. Ein Kostenvoranschlag hat im Notfall und vor Gericht nur einen geringen beweissichernden Charakter. Den Kostenvoranschlag erstellt eine Werkstatt im Regelfall unentgeltlich. Wird er lediglich zur Abrechnung eines Schadens mit der Versicherung genutzt, ohne dass es ein Reparaturauftrag erfolgt, lässt sich die Werkstatt ihn bezahlen. Die ausgezahlte Summe der Versicherung bei einer sogenannten fiktiven Rechnung fällt oftmals geringer aus als die einer tatsächlichen Reparatur.

In vielen Fällen kann der Gutachter auch online tätig sein. Dazu braucht er detaillierte Angaben zum Fahrzeug wie beispielsweise: Fahrzeugtyp, Tag der Erstzulassung und Fahrgestellnummer. Außerdem sind gute Fotos von dem geschädigten Fahrzeug nötig, und zwar von vorne, von hinten, von jeder Seite je eines, eine Detailansicht des Schadens und ein Übersichtsfoto vom Auto. In Zweifelsfällen muss Gutachter den Wagen besichtigen.

Was steht im Kfz-Gutachten?

  • Einschätzung des Fahrzeugs: Der Gutachter erfasst alle technischen Daten und Ausstattungsmerkmale, um einen umfassenden Eindruck vom Fahrzeug zu gewinnen.
  • Auflistung aller Schäden: Es sind in jedem Fall vorher vorhandene und durch den Unfall neu entstandene Schäden umfassend dokumentiert. In der Regel schießt der Sachverständige zudem Fotos für die Versicherung.
  • Einschätzung des Reparaturumfangs: Das Gutachten listet alle notwendigen Reparaturen auf. Dazu gibt der er noch eine Einschätzung für die Dauer des Vorgangs ab. Dies ist vor allem wichtig, wenn zum Beispiel Anspruch auf einen Mietwagen für die Ausfallzeit besteht.
  • Wertminderung: Autos, die einen Unfall hatten, sinken im Wert, selbst wenn alle Schäden fachmännisch behoben sind. Hier wird die gesamte Ausstattung des Wagens berücksichtigt, um eine mögliche Wertminderung auch bei unbeschädigten Teilen zu bestimmen.
  • Kostenkalkulation: Der Sachverständige gibt eine Einschätzung über die entstehenden Kosten ab. Außerdem berechnet er den aktuellen Wiederbeschaffungswert des Unfallwagens.
  • Bewertung: Letztlich erfolgt auch eine Beurteilung, ob es sich um einen wirtschaftlichen Totalschaden handelt.

Die Kosten für den Gutachter hängen von der Schadenshöhe ab. Bei einem Schaden von 1.000 Euro muss der Auftraggeber mit 30 %, also rund 300 Euro, rechnen. Mit zunehmendem Schaden werden die Kosten prozentual geringer. Steigt der Schaden beispielsweise auf 20.000 Euro, betragen die Kosten für den Gutachter nur noch 7,5 %.

Ein Kurzgutachten ist wesentlich günstiger als ein vollwertiges Gutachten und kaum teurer als ein Kostenvoranschlag. Hier musst du mit Kosten zwischen 50 und 100 Euro rechnen.

Wie viel Zeit nach dem Unfall habe ich, um einen Gutachter zu bestellen und den Schaden anzuzeigen?

Für das Kfz-Gutachten selbst gibt es keine direkte Frist, es sollte aber sehr zeitnah passieren. Die Schadensmeldung sollte üblicherweise innerhalb einer Woche geschehen. Bei Personenschaden ist die Kfz-Haftpflichtversicherung innerhalb von 48 Stunden zu informieren. 

Wer den Gutachter beauftragt, hängt ganz davon ab, ob der Unfall durch Fremd- oder Eigenverschulden passiert ist und, ob der verunfallte Wagen eine Haftpflicht- oder eine Kaskoversicherung hat. Bei einem Unfall mit Fremdverschulden ist die Sache klar: Für den Geschädigten wird der Sachverständige von der gegnerischen Kfz-Haftpflichtversicherung beauftragt.

Als Geschädigter hat man aber darüber hinaus das Recht, selbst einen unabhängigen Gutachter hinzuzuziehen. Bei einem Unfall durch Fremdverschulden ist es immer ratsam, einen eigenen Sachverständigen einzuschalten. Denn die Versicherer haben oft Kooperationsverträge mit bestimmten Gutachtern, die dann eher zugunsten der Versicherung entscheiden.

Wie schnell zahlt die Versicherung?

Das ist je nach Versicherung unterschiedlich: Die gegnerische Haftpflichtversicherung zahlt in der Regel innerhalb von vier bis sechs Wochen, nachdem die entsprechende Forderung eingegangen ist. In einem komplexeren Fall oder wenn es gar zu einem Prozess kommt, sind wesentlich längere Zeiten zu erwarten.

In diesen Fällen kann ein Kfz-Gutachten entscheidend sein: Wenn sich beispielsweise bei der Reparatur der Unfallschäden herausstellt, dass mehr gemacht werden muss, als ursprünglich gedacht, kann es zu Problemen kommen. Die Versicherung will oft diesen Reparaturmehraufwand nicht bezahlen. Dann ist es sehr von Vorteil, ein Gutachten zur Hand zu haben. 

Ein anderes Beispiel: Der Unfallgegner behauptet, dass nicht alle dokumentierten Schäden aus dem Unfall stammen. In diesen Fällen klärt das Gutachten eines anerkannten Sachverständigen den Sachverhalt.

Kann man das Kfz-Gutachten anzweifeln?

Besteht der Eindruck, dass das Gutachten parteiisch, unvollständig oder unprofessionell erstellt ist, kann es durchaus sein, dass es die Gegenseite nicht akzeptiert. In diesem Fall ergeht dann der Auftrag für ein zweites Gutachten, dass ein Sachverständiger erstellt, den die Gegenseite bestimmt. Sollte sich herausstellen, dass die Zweifel berechtigt sind, braucht die gegnerische Versicherung das Gutachten nicht zu bezahlen.

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