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Rentenkosten

"Rente mit 63": Deshalb drohen jetzt bittere Folgen für den Arbeitsmarkt

Die "Rente mit 63" erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit und bringt gleichzeitig die Deutsche Rentenversicherung und Unternehmen in Schwierigkeiten. Im Juli hat die Rentenkasse 3,4 Milliarden Euro allein für die "Rente mit 63" ausgezahlt.
Rund 400.000 Menschen mehr als von der Bundesregierung ursprünglich erwartet, nutzen das Angebot der Rente mit 63.
Rund 400.000 Menschen mehr als von der Bundesregierung ursprünglich erwartet, nutzen das Angebot der "Rente mit 63". Foto: Stefan Scheuer/dpa (Symbolbild)

Die Zahl der Arbeitnehmer*innen in Deutschland, die die "Rente mit 63" in Anspruch nehmen, ist wesentlich höher als von Bundesregierung bei Einführung der Regelung angenommen. Das liege auch daran, dass die "Ab 63"-Rentenbeziehenden eine hohe Rente erhalten, weil sie lange in die Rentenkasse eingezahlt haben. 

Unternehmen klagen indes über Fachkräftemangel.

Milliardenkosten für Rentenkasse: "Rente mit 63" zu erfolgreich

Die "Rente mit 63" steht seit Juli 2014 denjenigen offen, die mindestens 45 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. In diesen Fällen gibt es keine Abschläge. 

Das Eintrittsalter für die abschlagsfreie Rente mit 45 Beitragsjahren steigt jedoch an – für Versicherte ab Jahrgang 1964 liegt es inzwischen bei 65 Jahren. Wer sich eher aus der Arbeitswelt verabschiedet, muss Abstriche in Kauf nehmen.

Ende Juli gab es bereits 1,99 Millionen Frauen und Männer, die das Model "Rente mit 63" in Anspruch genommen haben. Das geht aus neuen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung vor. Demnach sind das bisher 400.000 mehr Senioren, als bei der Einführung 2014 erwartet worden war. Damals ging man von 200.000 Anträgen jährlich aus.

"Rente mit 63": Höchster Anteil seit 2015

Die Kosten für die abschlagsfreie "Rente mit 63" sind also deutlich stärker gestiegen, als geplant. Allein im vergangenen Jahr haben 268.957 Neurentner den Weg in den Ruhestand ohne Abschläge genutzt.  Das waren 26,3 Prozent aller neuen Renten und der höchste Anteil seit 2015. In der Folge sind auch die Ausgaben nach oben geklettert. Im Juli hat die Rentenkasse 3,4 Milliarden Euro allein für die "Rente mit 63" ausgezahlt.

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Trotz des früheren Eintritts bekamen diese Neurentner 2021 im Westen im Durchschnitt 1644 Euro und im Osten 1350 Euro im Monat – aufgrund der vielen Beitragsjahre. Neurentnerinnen im Westen erhielten 1220 Euro und im Osten 1286 Euro netto pro Monat. Zum Vergleich: Im Schnitt kriegen neue Ruheständler 1218 Euro (Ost: 1141 Euro) und neue Ruheständlerinnen 809 Euro (Ost: 1070 Euro).

Und der Anteil der Menschen, die früher in Rente gehen wollen, steigt. Das geht aus einer Umfrage des Demographie Netzwerks hervor, einer Kooperation von Unternehmen und Institutionen, die auf Initiative des Bundesarbeitsministeriums gegründet wurde. Demnach würden gerne mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in Deutschland mit 62 Jahren oder früher mit der Erwerbsarbeit aufhören. Nur 10,7 Prozent wollen bis zum Alter von 67 oder darüber hinaus arbeiten.

"Mangel an qualifizierten Beschäftigten" steige weiter an

Der Mittelstand leidet unter dem früheren Renteneintritt extrem. "Schon jetzt sind kleinere und mittelgroße Unternehmen am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen", sagt Markus Jerger, Vorsitzender des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) gegenüber morgenpost.de. Die Möglichkeit, nach 45 Beitragsjahren ohne Abschlag im Alter von 63 in Rente gehen zu können, sei für die Betroffenen zwar sicher positiv, "verschlimmert den Mangel an qualifizierten Beschäftigten in den Betrieben aber weiter".

Gleichzeitig kritisiert Jerger die dadurch entstehenden zusätzlichen Belastungen der Rentenkassen. "Im kommenden Jahr beträgt der Bundeszuschuss für die gesetzliche Rente bereits unfassbare 112 Milliarden Euro."

Der Mittelstand plädiert dafür, die Möglichkeiten, freiwillig über das bisherige Rentenalter hinaus tätig sein zu können, ganz generell zu verbessern. "Die zu Beginn des kommenden Jahres wegfallende Hinzuverdienstgrenze bei vorgezogenem Altersrentenbezug ist ein erster Weg, um den Verbleib im Arbeitsmarkt attraktiver zu gestalten."

Rentenaltersgrenze soll 2026 überprüft werden

In der Deutschen Rentenversicherung gibt es deshalb Pläne, die aktuell gültige Rentenaltersgrenze im Jahr 2026 zu überprüfen. Eine Anhebung der Grenze ist jedoch nicht der einzige Weg, um der schrumpfenden Zahl von Arbeitskräften vorzubeugen.

Auch mehr Zuwanderung, eine bessere Integration von Geflüchteten und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen könnten die Lücken verkleinern.

Immer wieder machen sich Arbeitgeberverbände für eine starke Anhebung des Renteneintrittsalters stark. So sagte etwa der Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf im Sommer gegenüber morgenpost.de: "Stufenweise werden wir auf das Renteneintrittsalter von 70 Jahren hochgehen müssen – auch weil das Lebensalter immer weiter steigt". Gewerkschaftsvertreter lehnen dies jedoch ab.

"Rente mit 63": Besondere Form der Frührente

Die "Rente mit 63" ist eine besondere Form der Frührente. Arbeitnehmende in Deutschland können nach einer Versicherungszeit von 45 Jahren grundsätzlich früher in Rente gehen können. Die "Altersrente für besonders langjährig Versicherte" - so der offizielle Titel -  wird oft noch als ""Rente mit 63"" bezeichnet, weil alle vor 1953 Geborenen ohne Abschläge mit 63 Jahren in Rente gehen konnten.

Dies gilt allerdings nicht mehr für alle, die zwischen 1953 und 1963 geboren sind. Da das Rentenalter schrittweise angehoben wird, verschiebt sich auch das Eintrittsalter mit dem Geburtsjahr nach oben. Weitere Informationen zum frühen Ruhestand ohne Abschläge gibt es hier.

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