Deutschland
Gasversorgung

Kommt im Juli die Gaspreislawine?

Gas in Deutschland wird knapp. Bislang ist es Energiekonzernen gesetzlich verboten, Preiserhöhungen an Kund*innen weiterzugeben. Das wird sich ändern. inFranken.de liefert Hintergrundinformationen aus Berlin.
Transportschiffe sollen bald Liquefied Natural Gas (LNG) - Flüssigerdgas - nach Deutschland bringen.
Transportschiffe sollen bald Liquefied Natural Gas (LNG) - Flüssigerdgas - nach Deutschland bringen. Foto: CC0 / Pixabay / Capt-M
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  • Die Krise beim größten deutschen Gasbeschaffer
  • Wer ist Gaslieferant nach Deutschland und verbraucht die Energie?
  • Wie setzt sich der Gaspreis zusammen?
  • Was plant die Bundesregierung zur Rettung von Uniper?
  • Was bedeutet das für die Gaskund*innen?

Warum ist Uniper in Schwierigkeiten? Wer sind die Akteure auf dem deutschen Gasmarkt? Wer liefert uns Gas? Und welchen ungewöhnlichen Vorschlag macht CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, um die Verbraucher*innen vor dem Schlimmsten zu bewahren. Wie das genau ablaufen könnte: hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Die Krise beim größten deutschen Gasbeschaffer

Der größte deutsche Lieferant von Gas, Uniper, steckt in einer fulminanten Krise. Grund: Stark gestiegene Gaspreise auf den Weltmärkten und die ausbleibenden, vertraglich zugesagten preisgünstigen Gasmengen aus Russland. "Uniper erhält seit 14. Juni lediglich 40 Prozent seiner vertraglich zugesicherten Gasmengen von Gazprom", sagte Finanzchefin Tiina Tuomela, gegenüber Tagesschau.de. Das Unternehmen muss daher Ersatzmengen teuer beschaffen, um gegenüber seinen Kund*innen nicht vertragsbrüchig zu sein.

Uniper hat aktuell langfristige Gaslieferverträge mit einem Volumen von 370 Terawattstunden Gas, davon stammen fast 200 Terawattstunden aus Russland. Das entspricht etwa einem Fünftel des jährlichen deutschen Gasverbrauchs und ist laut Analyst Ingo Becker von Kepler Cheuvreux im Handelsblatt für Uniper eine "signifikante Menge". Ergebnis dieser toxischen Melange: Uniper muss teures Gas kaufen, um seine Kund*innen zu beliefern. Die höheren Einkaufspreise kann das Unternehmen aber nicht durchreichen; bislang ist es Energiekonzernen gesetzlich verboten, Preiserhöhungen weiterzugeben.

Uniper - eine Tochter des finnischen Fortum-Konzerns - ist der größte ausländische Kunde des russischen Gasriesen Gazprom. Die Düsseldorfer spielen nicht nur bei der Beschaffung von Gas, sondern auch mit ihren Gasspeichern eine wichtige Rolle bei der Absicherung der Versorgung Deutschlands. Anleger reagieren entsetzt auf die Mitteilung von Uniper. Die Uniper-Aktie brach zeitweise um über 22 Prozent ein und schloss mit einem Minus von 14 Prozent. Uniper ist nicht nur Gashändler, sondern gehört mit rund 11.500 Beschäftigten ebenso zu den größten Stromerzeugern (Betreiber von Kraftwerken) in Deutschland.

Wer ist Gaslieferant nach Deutschland und verbraucht die Energie?

Deutschland bezieht sein Erdgas zu über 94 Prozent aus Importen, sechs Prozent stammen aus heimischer Förderung, ein Prozent ist Biomethaneinspeisung.

Die drei größten Importländer sind Russland (55 Prozent), Norwegen (31 Prozent) und die Niederlande (13 Prozent). Weiteres Gas kommt aus Großbritannien und Dänemark. Der derzeitige Anteil von russischem Erdgas am deutschen Gasverbrauch beträgt ca. 35 Prozent. Gegenwärtig strömt knapp 94 Prozent des Gesamtbedarfs ausschließlich über Pipelines aus den verschiedenen Lieferländern. 

Die Wärmeversorgung der Haushalte ist in Deutschland der größte Gasfresser. Rund 31 Prozent entfallen allein hierauf. Noch mehr Gas aber verbraucht die deutsche Wirtschaft. Allein in die Industrie gehen ganze 37 Prozent des Gases. 

Das Transportsystem von Gas

Unterschiedliche Pipelines bringen Erdgas von Russland, Norwegen und den Niederlanden nach Deutschland. Die bekanntesten Linien sind die Nord Stream 2, deren Route unter der Ostsee nach Deutschland verläuft, die Europipe I und II aus Norwegen und die BBL-Pipelineaus den Niederlanden.

Der deutsche Gasmarkt hat eine Vielzahl privatrechtlich organisierter Marktakteure in den Bereichen Gasnetze, Speicherbetrieb und Handel.

Auf dem deutschen Gasmarkt agierten 2021 16 Gasfernleitungsunternehmen, einer davon ist Uniper. Außerdem gab es 703 Verteilernetzbetreiber (meistens die regionalen Stadtwerke) sowie 25 Speicherbetreiber und zahlreiche Händler. Die Zusammenarbeit dieser Akteure gewährleistet eine reibungslose Versorgung mit Erdgas in Deutschland.

Wie setzt sich der Gaspreis zusammen?

Die Beschaffungskosten bestehen aus dem Gaseinkaufspreis sowie allen Transportkosten. Für die Verteilung, also die Weiterleitung des Erdgases an die Endkund*innen, entstehen ebenfalls Kosten. Darin enthalten sind alle Ausgaben, die mit dem Ausbau und der Instandhaltung des Erdgasnetzes verbunden sind.

Die Erdgassteuer beruht auf dem Energiesteuergesetz (EnergieStG). Mit ihm wird die Verbrauchsmenge an Erdgas in den verschiedenen Einsatzbereichen besteuert.

Eine Konzessionsabgabe müssen die Netzbetreiber an die jeweilige Gemeinde entrichten, wenn sie öffentliches Gebiet für das Verlegen und Betreiben von Gasleitungen nutzen.

Was plant die Bundesregierung zur Rettung von Uniper?

Angesichts der brenzligen Lage vieler Gas-Großhändler denkt die Bundesregierung über Maßnahmen nach, diese zu stützen. So soll ein Dominoeffekt bei den über 700 Stadtwerken verhindert werden. Nach Informationen der F.A.Z. soll der sogenannte Marktgebietsverantwortliche, das Unternehmen Trading Hub Europe (THE), Liquiditätshilfen an die großen Händler wie Uniper leisten, damit diese die gestiegenen Ersatzbeschaffungskosten für Gas stemmen können.

Mit einem Umlageverfahren soll THE künftig als eine Art Clearingstelle auftreten. Anders als bei der Speicherbefüllung kauft sie nicht selbst Gas ein, sondern prüft zunächst die Mehrkosten, welche die Gashändler anmelden. Im nächsten Schritt gleicht die THE das ermittelte Delta zwischen Einkaufs- und Abgabepreisen aus, wodurch sie die Liquiditätsengpässe der Energieversorger und somit deren mögliche Insolvenz abwenden soll.

Die Refinanzierung erfolgt über erhöhte Netzentgelte, die alle Kund*innen träfen, private wie gewerbliche. Die Lösung gilt als rechtssicher, transparent und politisch zu vermitteln. In jedem Fall müssen Bundestag und Bundesrat dies noch vor der parlamentarischen Sommerpause beschließen, damit es Wirkung entfalten kann.

Was bedeutet das für die Gaskund*innen?

Wie hoch die Preissteigerungen für die Kund*innen ausfallen werden, ist noch unklar. Branchenexpert*innen vermuten, dass die Gashändler jeden Tag einen dreistelligen Millionenbetrag, rund eine Milliarde in der Woche, verlieren. Der zuständige Verband Zukunft Gas macht auf die Notlage der Branche aufmerksam. "Die Ersatzbeschaffung verursacht erhebliche Mehrkosten. Wir sehen einer Finanzkrise im Gashandel ins Auge, die dringend gelöst werden muss", sagte Verbandsvorstand Timm Kehler der F.A.Z.

Als erstes müssen sich vermutlich die 5,5 Millionen Fernwärmekunden, darunter 80 Prozent in Mietwohnungen, auf heftige Preiserhöhungen einstellen. Knapp die Hälfte der Fernwärme wird nach Angaben des Bundesverbandes der Energiewirtschaft (BDEW) mit Erdgas erzeugt. Das Bundeswirtschaftsministerium will es Stadtwerken und privaten Betreiberunternehmen ermöglichen, höhere Beschaffungskosten binnen weniger Wochen an die Haushalte weiterzugeben. 

Eine ungewöhnliche und verbraucherfreundliche Idee kommt von CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. Er fordert die Einführung eines befristeten "Bürgerbasispreises" für Gas. Mit einem solchen von der Bundesregierung zu entwickelnden Basispreis werde letztlich ein Deckel auf einen Grundbedarf je Haushalt und Person festgelegt, erläutert Dobrindt. Ein solches Signal an die Öffentlichkeit sei wichtig, weil sonst die finanziellen Lasten durch die weiter explodierenden Gaspreise für die Haushalte nicht zu tragen sind. Die geplanten Maßnahmen zur Stützung, neun Milliarden sind in Berlin im Gespräch, von Gasunternehmen würden nicht ausreichen, sagte Dobrindt voraus. Letztlich werde man in den nächsten Tagen über die Verstaatlichung von Gasunternehmen sprechen. "Es werden Gasunternehmen in die öffentliche Hand, in die Staatshand kommen, weil sie allein nicht mehr überlebensfähig sind." Dies sei eine vertretbare Lösung, die in der Vergangenheit bei Krisen auch an anderen Stellen angewandt worden sei.

Fazit

Der Juli ist der Schicksalsmonat für den deutschen Gasmarkt und damit für viele Gasverbrauchende. Gasversorger, Regierung und die größte Oppositionspartei, die CDU/CSU ziehen in diesem Punkt offenbar an einem Strang. Das lässt hoffen.