Nürnberg
Interview

Energiekrise: Wie gehen Stadtwerke wie N-ERGIE aus Nürnberg mit der Gaskrise um?

Josef Hasler ist Vorstandsvorsitzender von N-ERGIE, die die Region mit Gas versorgt. Im Exklusiv-Interview mit inFranken.de berichtet er, wie er mit dem Krisenstab den Winter vorbereitet. Und warum er von dirigistischen Maßnahmen des Staates wenig hält.
Heizung
Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender der N-ERGIE steht vor großen Aufgaben bei der Gasversorgung in der Region. Foto: Fabian Sommer/dpa/Symbolbild
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  • Werden viele ihrer Kundinnen und Kunden mit kleinem Einkommen im Winter in kalten Wohnungen sitzen?
  • Wann kommen Preiserhöhungen bei den Kundinnen und Kunden an?
  • Wie lange halten es die Stadtwerke finanziell durch?

Rund 2.500 Mitarbeitende kümmern sich bei N-ERGIE in Nürnberg im Plärrer-Hochhaus um Gas, Strom, Wasser und um Fernwärme für die Region. Chef Josef Hasler sagt im Interview, dass er sich jetzt in einer Situation befindet, "die so noch nie dagewesen ist."

inFranken.de: Herr Hasler, die N-ERGIE in Nürnberg gehört zu den größten Stadtwerken in Deutschland. Was sind die Folgen für die Region, wenn Russland weiterhin den Gaszufluss begrenzt oder komplett beendet?

Josef Hasler: "Wir verfügen in Deutschland über ein weit verzweigtes Gasnetz, deshalb unterscheidet sich die Betroffenheit von Region zu Region nicht sehr deutlich – auch wenn Bayern bislang besonders viel russisches Gas über die Verdichterstation im oberpfälzischen Waidhaus bezogen hat. Sollten die Gaslieferungen aus Russland komplett zum Erliegen kommen, wird die Situation bei uns genauso ernst wie andernorts."

Wie bereiten Sie sich auf einen drohenden Erdgasmangel im Winter vor?

"Selbst wenn sich die Lieferungen aus Russland wieder auf niedrigem Niveau einpendeln sollten, steht uns eine angespannte Lage im Winter bevor – wir bereiten uns deshalb in unserem Krisenstab auf die verschiedenen Szenarien vor. So sind wir unter anderem seit Monaten in Kontakt mit den industriellen Großverbrauchern in unserer Region. Gemäß 'Notfallplan Gas', dem geltenden Regelwerk für diesen Fall, wären diese zuerst von etwaigen Leistungsreduzierungen betroffen."

Werden viele ihrer Kundinnen und Kunden mit kleinem Einkommen im Winter in kalten Wohnungen sitzen, weil sie ihre Gasrechnungen nicht mehr bezahlen können?

"Wie Energie bezahlbar bleibt, ist für mich die aktuell schwerwiegendste Frage in diesem Land. Hier bedarf es dringend einer politischen Antwort, das können die Energieversorger leider nicht lösen. In einer komplett kalten Wohnung sollte natürlich niemand sitzen müssen. Wobei es in diesem Winter definitiv ratsam wäre, sparsam zu heizen und die Temperatur in der eigenen Wohnung etwas abzusenken. Einerseits um Erdgas einzusparen und dazu beizutragen, die Versorgungslage weiter stabil zu halten, andererseits mit Blick auf den eigenen Geldbeutel."

Haben Sie schon angekündigt, dass die Erdgasrechnungen höher ausfallen als vor einem Jahr?

"Wir haben unsere Preise für Erdgas bereits im Juni erhöht, bewegen uns allerdings im bundesweiten Vergleich preislich nach wie vor auf einem ausgesprochen niedrigen Niveau. Wenn ich mir die letzten Entwicklungen auf den Handelsmärkten ansehe, dann ist leider nicht damit zu rechnen, dass wir das Angebot für unsere Kundinnen und Kunden halten werden können. Da will ich keine falschen Hoffnungen machen."

Wann schätzen Sie, dass die Preiserhöhungen bei den Kundinnen und Kunden voll ankommen?

"Kundinnen und Kunden von Stadtwerken wie der N-ERGIE haben bis jetzt noch extrem von deren langfristiger Beschaffungsstrategie profitiert.

Grundsätzlich kommen die Preissteigerungen an den Handelsmärkten deshalb zeitversetzt an – zum Beispiel erst mit der nächsten und vielleicht auch übernächsten Jahresrechnung. Damit die nicht zur bösen Überraschung wird, kann es hilfreich sein, den Abschlag vorsorglich zu erhöhen, um sich vor Nachzahlungen zu schützen."

Umweltministerin Steffi Lemke und andere Stimmen aus der Politik wollen den Stadtwerken verbieten, säumiger Kundschaft den Gas- und Stromanschluss zu sperren. Eine gute Idee?

"Nein, ein Moratorium gefährdet die wirtschaftliche Lage der Stadtwerke und verschiebt die Problematik in die Zukunft. Vielmehr wünsche ich mir ausreichend staatliche Unterstützung für die betroffenen Haushalte."

Sind für private Haushalte Erdgasrationierungen notwendig, wie es die Wirtschaft fordert?

"Sparsamkeit sollte das erste Gebot sein. Angeordnete Reduzierungen durch die Bundesnetzagentur und Abschaltungen von privaten Haushalten sind für mich aber die letzte Option."

Wirtschaftsminister Robert Habeck scheint diese Priorisierung der Haushalte inzwischen infrage zu stellen. Sollte im Notfall auch deren Versorgung rationiert werden?

"Das eigene Zuhause ist ein Ort der Sicherheit. Da sollte die Bundesnetzagentur wirklich nur dann ansetzen, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht."

Wie lange halten es die Stadtwerke finanziell durch, dass ihre Einkaufskosten rapide steigen, sie diese aber nur eingeschränkt an die Kundinnen und Kunden weitergeben können?

"Das kürzlich verabschiedete Energiesicherungsgesetz beschreibt ja verschiedene Optionen, wie die Preise an die Verbraucher weitergegeben werden können. Dennoch bedeuten explodierende Einkaufskosten natürlich ein immenses Risiko."

Rechnen Sie mit Pleiten von Stadtwerken?

"Wir Stadtwerke wirtschaften sehr risikoavers und sind prinzipiell äußerst solide aufgestellt. Aber wir befinden uns jetzt in einer Situation, die so noch nie dagewesen ist. Ich kann deshalb Liquiditätsprobleme für die Branche nicht ausschließen."

Dann braucht es einen staatlichen Rettungsschirm für Stadtwerke, wie ihn der Bundesrat fordert?

"Ja, ich finde schon. Stadtwerke sind der Inbegriff der Systemrelevanz und auf ganz vielen Ebenen für die Daseinsvorsorge verantwortlich. Wenn jetzt das ein oder andere Stadtwerk unverschuldet in Schieflage geraten sollte, dann wird der Regierung gar nichts anderes übrig bleiben als finanziell zu unterstützen. Deshalb sollte der Schirm schon jetzt aufgespannt werden."

Wie ist der Füllstand der für die N-ERGIE relevanten Erdgasspeicher. Wie besorgt sind Sie deshalb?

"Der Gesamtfüllstand der deutschen Speicher beträgt aktuell rund 65 Prozent, wobei sich die Speicher angesichts der Revision von Nord Stream 1 zuletzt nur noch spärlich füllten. Das gibt schon Anlass zur Sorge. Um gut über den Winter zu kommen, sollte das von der Bundesregierung gesetzte Ziel von 90 Prozent bis Dezember möglichst erreicht werden."

Viele Stadtwerke sind abhängig vom insolvenzbedrohten Erdgasimporteur Uniper. Die N-ERGIE auch?

"Auch wir beziehen Erdgas von Uniper, allerdings ist das nicht unser einziger Lieferant. Wir verfügen über ein diversifiziertes Portfolio."

Ist es nicht besser, die Abschaltung der drei letzten in Betrieb befindlichen Atomkraftwerk zum Jahresende zu verschieben?

"Das ist eine Frage, die letztlich die Regierung zu entscheiden hat. Grundsätzlich muss natürlich sichergestellt sein, dass wir nicht in eine Unterversorgung mit Strom geraten."

Ist der Ernst der Lage bei ihrer Kundschaft angekommen?

"Ich habe schon das Gefühl, dass sich die meisten Menschen viele Gedanken machen, eigene Verhaltensweisen hinterfragen und etliche bereits ganz bewusst Energie einsparen."

Gehen die Franken so sparsam mit Energie um, wie es jetzt notwendig wäre?

"Jede Einsparung hilft, um gut über den Winter zu kommen. Die Stadt Nürnberg hat zum Beispiel Hallenbäder geschlossen – das ist ein Schritt, der bestimmt nicht jedem gefällt. Aber ich halte das angesichts der Lage für angebracht. Wir müssen sparsam sein – wie sparsam, das hängt entschieden davon ab, wie viel Erdgas wir zu welchen Preisen zur Verfügung haben werden. Selbstverständlich kann es sein, dass uns die nächsten Monate auch noch spürbarere Einschränkungen abverlangen."

Wie viel können private Haushalte denn überhaupt kurzfristig im Winter einsparen?

"Da gibt es schon ein deutliches Potenzial. Als Faustregel gilt: Ein Grad niedrigere Zimmertemperatur ergibt sechs Prozent Energieeinsparung. Lasse ich zudem vor der Heizperiode meine Heizung noch einmal durch einen Fachmann überprüfen und perfekt einstellen, ist hier ebenfalls einiges drin. Einen Duschsparkopf installieren, vielleicht etwas kürzer warm duschen – auch das hilft. Letztlich ist es die Summe vieler kleiner Beiträge, die eine große Wirkung haben kann."

Wer ist Josef Hasler?

Er ist Vorstandsvorsitzender der N-ERGIE, die die Region mit Strom und Gas sowie die Stadt Nürnberg zusätzlich mit Fernwärme und Trinkwasser versorgt. Hasler ist außerdem Chef der VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft, die den ÖPNV in Nürnberg organisiert. Der "sportaffine Naturliebhaber" setzt sich leidenschaftlich für die regionale Energie- und Verkehrswende ein.