Auf den ersten Blick eine ganz normale Siedlung - doch dabei ist das kleine Dorf in der Gemeinde Grafschaft-Ringen etwas ziemlich Besonderes, denn sie besteht aus Tiny Houses, also Miniaturhäuschen.  Ein Schild mit der Aufschrift "Herzensweg" weist die Straße zu den 25 komplett ausgestatteten Tiny Houses aus. 

Den Betroffenen von der Flutkatastrophe bieten die Häuschen vor allem eines: Endlich wieder eigene vier Wände im Winter - nach Notaufenthalten bei Verwandten und Freunden, in Ferienwohnungen und Wohnwagen. 

Komplette Ausstattung auf kleinem Raum: "Es ist alles da"

Jedes Häuschen bietet auf etwas über 30 Quadratmetern Platz für bis zu fünf Personen - mit zwei Schlafzimmern, einer Küche und einem Wohn-Essbereich mit Schlafsofa. In separaten Containern gibt es Waschmaschinen und Trockner. Außerdem hat jedes Häuschen eine überdachte Veranda

Fast mutet die Siedlung mit den kleinen Häuschen an wie ein Ort, an dem Menschen im Urlaub leben. Doch sind die Umstände hier natürlich völlig anders: Die Bewohner*innen haben zum Teil schreckliche Erlebnisse während der Flutkatastrophe im Ahrtal gehabt, ihr Zuhause verloren und große Teile ihres Besitzes. 

Auch bei Doris und Peter Bruch hat die Sturzflut in der Nacht zum 15. Juli  das komplette Erdgeschoss in ihrem Reihenhaus in Bad Neuenahr-Ahrweiler durchströmt. Nach einem zeitlich begrenzten Notaufenthalt in einer Bonner Wohnung unterm Dach hat das Ehepaar in der kalten Jahreszeit nun in der Tiny House-Siedlung neue vier Wände gefunden. 

"Solange man nicht gleich fünf Kinder hat, ist es hier sehr gut", sagt die 70-jährige Doris Bruch dem dpa-Korrespondenten Jens Albes. Die Ausstattung der Häuschen und das Gefühl, endlich wieder unabhängig zu sein, hat das Ehepaar begeistert: "Es ist alles da: Bettbezüge und Handtücher, Toaster und Kaffeemaschine." Ihr 72-jähriger Mann Peter ergänzt: "Der erste Tag hier ist wie eine Befreiung gewesen. Endlich was Eigenständiges."

Ihr eigentliches Zuhause nahe der Ahr wird derzeit wieder aufgebaut. Im Laufe dieses Jahres möchte das Ehepaar Bruch auch wieder dorthin zurückkehren. 

Tiny Houses hoch im Kurs: Mehr Nachfrage als Angebot

Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Seit dem Spätherbst sind laut der Gemeinde Grafschaft mehr als 60 Bewerbungen für die 25 Häuschen eingegangen. Um die Verteilung möglichst gerecht zu gestalten seien zuerst Familien, dann Paare und schließlich einzelne Betroffene ausgewählt worden. Laut dem rheinland-pfälzischen Sozialminister Alexander Schweitzer (SPD) bieten die Häuschen "den Betroffenen vorübergehend ein eigenes Dach über dem Kopf und ein neues Zuhause".  

Wie die Gemeinde mitteilte, wurden die 25 möblierten Minihäuser mit Unterstützung eines Hilfsvereins am neuen Herzensweg aufgestellt. Die Gesamtkosten beliefen sich voraussichtlich auf rund 100 000 Euro pro Gebäude, insgesamt also auf etwa 2,5 Millionen Euro. Inklusive aller Nebenkosten beläuft sich die Miete bei Ehepaar Bruch auf 455 Euro pro Monat.  

Weitere Tiny Houses im ganzen Ahrtal in Planung

Nicht nur in Ringen leben Flutbetroffene in kleinen Dörfchen: Im ganzen Ahrtal starten vielerorts derartige Projekte. Beispielsweise in Sinzig werden laut Stadtverwaltung 42 Tiny Houses aufgestellt. In der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler werden  64 Minihäuser auf drei Standorte verteilt.

Weiter flussaufwärts, in der Verbandsgemeinde (VG) Altenahr, sollen ebenfalls insgesamt 64 Tiny Houses auf verschiedene Dörfer verteilt werden - stets möglichst nahe von Kindergärten und Schulen. Eine VG-Sprecherin erklärt gegenüber der dpa: "Wir haben uns gemeinsam mit Sinzig und Bad Neuenahr-Ahrweiler für die Tiny Houses entschieden, weil sie komplett gefertigt werden und im Bereich des Aufstellortes auf ihrer eigenen Achse gut rangiert werden können." 

Ein Zuhause auf Zeit - doch was passiert danach mit den Häuschen? 

Es bleibt natürlich die Frage: Was passiert mit den Siedlungen, wenn die Flutbetroffenen wieder in ihr eigentliches Zuhause zurückkehren können?  Bad Neuenahr-Ahrweiler zum Beispiel sieht eine Unterbringung von Flutopfern während maximal eines Jahres in den Minihäusern vor.

Könnten die Häuschen danach beispielsweise einfach als Ferienhäuschen genutzt werden? Ganz so einfach ist es  leider nicht: Da die Tiny Houses größtenteils spendenfinanziert sind, müsste auch eine weitere Nutzung gemeinnützig sein, heißt es in mehreren Kommunen.  Dennoch erklärt die VG-Sprecherin: "An einem Nachnutzungskonzept, das auch dem Gedanken einer Fremdenverkehrsregion entgegenkommt, wird gearbeitet." 

Sophia Mittelbach / Jens Albes (dpa)