• Die Mainzer Neustadt feiert 150. Stadtteiljubiläum
  • Inspiriert wurden die Stadtplaner von Paris, Amsterdam, aber auch Berlin
  • Die Vorlage: große Boulevards als zentrale Sichtachsen und Plätze an besonderen Knotenpunkten

Vor 150 Jahren erhielt die von Festungen eingeschränkte Stadt die ersehnte Chance zur Erweiterung. Stadtbaumeister Kreyßig ließ sich in der Planung von Pariser Boulevards inspirieren. Offenheit und Weite hat sich die Neustadt bis heute bewahrt.

Die Mainzer Neustadt wird 150 - "Wir haben ein buntes Programm aufgelegt"

Paris, Amsterdam und ein bisschen Berlin - die Mainzer Neustadt zeigt viele Gesichter. Mit 29.300 Einwohnern ist der Stadtteil größer als rheinland-pfälzische Städte wie Idar-Oberstein, Bingen oder Germersheim. Am 23. und 24. September feiert die Neustadt ihre Gründung vor 150 Jahren. "Alle sind eingeladen, wir haben ein buntes Programm aufgelegt", sagt Ortsvorsteher Christoph Hand.

Paris stand ganz am Anfang Pate: Stadtbaumeister Eduard Kreyßig (1830-1897) besuchte zwei Jahre nach seinem Amtsantritt die Pariser Weltausstellung von 1867. Dort ließ er sich von der Umgestaltung der französischen Hauptstadt nach den Plänen von Georges-Eugène Haussmann (1809-1891) inspirieren. Dazu gehörten große Boulevards als zentrale Sichtachsen und Plätze an besonderen Knotenpunkten.

Und genau so legte Kreyßig die Planung der Mainzer Neustadt an. Schon 1867 entwarf er ein Bebauungskonzept für einen ganz neuen Stadtteil. Die Entwicklung von Mainz litt damals unter der räumlichen Einschränkung militärischer Festungsanlagen. Nach langem Drängen gelang es am 21. September 1872, einen "Stadterweiterungsvertrag" zwischen der Stadt und der Festungsverwaltung zu schließen. Damit war der Weg frei für die Ausdehnung der Stadt nach Nordwesten.

Ein Straßensystem aus großzügigen Längs- und Querachsen

Dort lag damals das Gartenfeld, eine etwas tiefer liegende Grünfläche mit Schrebergärten und vereinzelten Gebäuden wie kleinen Gaststätten, die damals beliebtes Ziel für Sonntagsspaziergänge der Altstadt-Mainzer waren. Kreyßig entwarf ein Straßensystem aus großzügigen Längs- und Querachsen. Den Beginn der Neustadt markiert die breite Kaiserstraße im Stil eines Pariser Boulevards mit der von Kreyßig gebauten evangelischen Christuskirche, deren Kuppel die Straße zum Rhein hin abschließt.

Ebenso entwarf er als besondere Sichtachse die Boppstraße, die eineinhalb Kilometer weit den Blick zum Mainzer Dom öffnet. Wesentliche Bausteine für die Erschließung der neuen Siedlung waren die Aufschüttung des Gebiets für den Hochwasserschutz, die Verlegung der Eisenbahnstrecke vom Rheinufer zum heutigen Hauptbahnhof und die Verlegung des Schlachthofs an den Rand. "Das war visionär", sagt Ortsvorsteher Hand. Hinzu kam die Anlage einer Straßenbahn, die zum Teil bis heute - auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring - besteht.

"Die Neustadt ist bunt, sie ist vielfältig, sie ist multikulturell"

Zur Neustadt gehören die prächtigen Bürgerhäuser der Gründerzeit ebenso wie einfache Mietshäuser. Lange Zeit galt das Viertel als Arbeitervorort. In den Hinterhöfen werkelten kleine Handwerksbetriebe. In den 1970er Jahren zogen Wohngemeinschaften mit Studierenden ein, in der Kurfürstenstraße schlug das Herz der Mainzer Friedensbewegung. Inzwischen aber gibt es Tendenzen der Gentrifizierung, die Mieten steigen. Die Neustadt umfasst aber auch die Zwerchallee mit der Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete und das Quartier nordwestlich der Goethestraße, das als sozialer Brennpunkt gilt.

"Die Neustadt ist bunt, sie ist vielfältig, sie ist multikulturell", sagt Ortsvorsteher Hand. Als Politiker der Grünen verkörpert er die politische Kultur im Stadtteil - bei der Bundestagswahl 2021 erhielten die Grünen dort 40,4 Prozent der Zweitstimmen, die SPD kam auf 22,3 Prozent und selbst die Linke übertraf mit 9,3 Prozent die CDU

"Ein bisschen Berlin ist auch spürbar"

Schicke neue Wohnhäuser sind am Zollhafen entstanden, wo die Bauarbeiten noch einige Jahre dauern werden. Dort ist an den Kaimauern ein Hauch von Amsterdam spürbar. Zumindest erinnert ein Straßenname in dem neu entstandenen Wohnviertel an Holland: An den Grachten. 

"Ein bisschen Berlin ist auch spürbar", sagt Hand und weist auf alternative Wohnprojekte hin. So wurde gerade in der Wallaustraße eine Wohnanlage eingeweiht, die eine Kita und ein Familienzentrum umfasst und in der sich der Verein "Queer im Quartier" besonders engagiert. So werden 22 der 61 Wohnungen von Mitgliedern des Vereins belegt, der 2017 mit dem Ziel eines diskriminierungsfreien und generationsübergreifenden Wohnprojekts entstand. Ein weiteres Neubauprojekt der mehrheitlich städtischen Wohnbau Mainz soll bis Jahresende fertiggestellt werden und 156 neue Wohnungen schaffen.

"Auf den Plätzen und Straßen ist immer etwas los"

"Die Idee ist, dass man sich nicht anonym in Gebäuden aufhält, sondern Wohngemeinschaften in Gebäudeblöcken bildet, mit Gemeinschaftsräumen für den wechselseitigen Austausch", erklärt Hand. Dort könnten sich auch junge und alte Bewohner gegenseitig im Alltag unterstützen.

"Auf den Plätzen und Straßen ist immer etwas los", sagt Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Bis heute "tut sich auch städtebaulich viel". Der OB nennt die frisch sanierte Boppstraße, den Karoline-Stern-Platz und den Zollhafen. An der Hindenburgstraße, deren Namensgebung bis heute für Diskussionen sorgt, setzt die Neue Synagoge seit 2010 einen besonderen architektonischen Akzent. Wenige Schritte davon entfernt, in derselben Straße, wurde die alte Hauptsynagoge beim Novemberprogramm 1938 in Brand gesetzt und danach gesprengt.

"Man ist hier offen für neue Ideen", sagt Ortsvorsteher Hand

Bei der Geburtstagsfeier sind auch junge Unternehmen dabei, die in der Neustadt entstanden sind. Der Speiseeis-Hersteller N'Eis hat die Jubiläumskreation "Neustadtliebe" aufgelegt, von der Brauerei Eulchen gibt es ein Jubiläumsbier. Sie hat ihrem Namen von der als besonders weise geltenden Eule, die das Stadtteilwappen ziert. "Man ist hier offen für neue Ideen", sagt Ortsvorsteher Hand. "Die Neustadt ist ein sehr guter Boden, auf dem noch vieles keimen kann."

Hier erfährst du, was für das Festwochenende des Mainzer Stadtteilfestes geplant ist. 

Redaktion mit dpa