Die Welt rätselt aktuell darüber, was Wladimir Putin als Nächstes vorhat. In seiner Rede am 9. Mai hat er zwei Dinge unterlassen, mit denen viele gerechnet haben: den Sieg zu feiern und die große Mobilisierung auszurufen.

Der Kriegsforscher Lawrence Freedman hat Putins Rede analysiert und hat nun eine neue Theorie darüber, wie der Krieg enden könnte.

Kriegsforscher Freedman analysiert Putin-Rede

Freedman hat seine Beobachtungen vom 9. Mai - dem "Tag des Sieges" in Russland - folgendermaßen beschrieben:

  1. Putin hat keinen Sieg verkündet. Laut Freedman hatte der russische Despot nicht genug zum Präsentieren gehabt.
  2. Der russische Präsident rief nicht die große Mobilisierung aus. Freedman ist der Meinung, dass Putin wisse, dass ihm eine große Mobilisierung nur wenige Vorteile auf dem Schlachtfeld bringen würde. Stattdessen würden ihm größere innerpolitische Schwierigkeiten erwarten.
  3. Es waren weniger Soldaten als sonst - und sie wirken erschöpft. Der Grund hierfür sei simpel. So seien die meisten der einsatzfähigen Truppen aktuell im Kampfeinsatz. Freedman: "Anstatt eine Armee kurz vor dem militärischen Triumph zu präsentieren, wirkten Putins Truppen erschöpft."
  4. Show war viel kleiner als sonst. Der Kriegsforscher erklärt, dass die Militärparade wenige Kriegsgeräte zeigte. Die Flugshow wurde sogar ganz abgesagt. Dies liege daran, dass die Kriegsgeräte aktuell im Einsatz seien oder bereits zerstört.

Der Kriegsforscher folgert hart: "Die russische Armee ist nicht die Dampfwalze, als die sie lange gesehen wurde. Es gibt nur minimale Gewinne für Russland, während die Ukraine sogar erfolgreiche Gegenoffensiven startet. Die Russen haben fast alles zusammengezogen, was sie noch aufbieten können. Es gibt nur noch wenige Reserven." Putins Armee verliert aktuell immer noch massenhaft Kriegsgerät, während die Ukraine vom Westen aufgerüstet wird. Es gibt sogar Berichte darüber, dass russische Kommandeure ihre Soldaten nicht mehr an die Front schicken wollen.

Kriegsforscher beschreibt mögliches Ende des Krieges

Freedman meint: "Derzeit glauben alle, dass der Krieg noch lange gehen werde. Die Gründe: Die Ukraine will kein Territorium an Russland abgeben. Und Russland hat zu viel in den Krieg investiert, um jetzt aufzugeben." Wenn es weitergehe wie aktuell, könnte sich ein Patt entwickeln. Es sei aber auch möglich, dass beide Seiten ihren Aufwand reduzieren, da sie nicht dauerhaft einen so hohen Aufwand betreiben können.

Aber es sei auch möglich, dass Russland eine Niederlage erleidet. Putins Armee könne zwar immer noch großen Schaden durch beispielsweise Luftanschläge oder eine Seeblockade im Schwarzen Meer verursachen. Dennoch habe die Ukraine gezeigt, wie leidensfähig sie sind und haben ihre Hoheit behalten.

Für den Kriegsforscher ist folgendes Szenario am wahrscheinlichsten: "Es ist möglich, dass die zweite Offensive in der Ostukraine genau so endet wie die erste Offensive." Es werde wohl zunächst ersichtlich werden, dass Russland diesen Krieg nicht gewinnen kann. Anschließend wird wohl darüber diskutiert, ob man an den Verhandlungstisch zurückkehre. Dann werden sich die russischen Kräfte nicht mehr halten können und sich zurückziehen. "Dieses Mal würde ein Rückzug einer Niederlage gleichkommen", erklärt Freedman.

Putin bleibt nur Waffenstillstand als Ausweg

Das dürfte Russland jedoch nicht gefallen. Wenn auch eine große Mobilisierung keine Möglichkeit ist, dann bleibt Putin nur ein Ausweg, um der Niederlage zuvorzukommen: ein Waffenstillstand. So könnte er zumindest das retten, was er bislang erobert hat. Freedman: "Putin könnte zu dem Schluss kommen, dass er lieber seine Verluste minimiert als, dass er diesen Krieg für alle Beteiligten noch schlimmer macht."

Zum Weiterlesen: "Radioaktiver Tsunami"? Poseidon ist nur ein Sturm im Wasserglas - Russlands leere Drohgebärden