Menschen sind vieles: Sie sind hilfsbereit, mitfühlend, egoistisch, vorsichtig. Aber vor allem sind sie eines: faul. 

Das ist kein Vorwurf, keine Beschwerde über die Menschheit an sich, sondern ein Lob der Faulheit. Es ist gut, dass wir faul sind, denn so finden wir zu einfachen und praktischen Lösungen. Und was hat das jetzt mit dem 9-Euro-Ticket zu tun? 

Der Horror des Tarifdschungels

Gerade in einer komplexen und leider oft auch komplizierten Welt tut jedes bisschen Einfachheit gut. Mir jedenfalls geht es so, und viele Entwicklungen bestätigen, dass ich damit nicht allein bin: Wenn etwas einfach ist, bringt das einen gewaltigen Pluspunkt für diese Sache mit sich. 

So auch bei der Fortbewegung: Sich durch den deutschen Tarifdschungel für Bus und Bahn zu kämpfen ist teilweise in etwa so auslaugend, wie eine Steuererklärung zu machen, handschriftlich und ohne Taschenrechner. Zumindest fühlt es sich so an, wenn man sich erdreistet, in Deutschland mit der Bahn von A nach B zu reisen. Ist man dann am Zielort angekommen, hört der Stress meist nicht auf, sondern fängt erst richtig an. Da stehe ich dann am Hauptbahnhof einer größeren deutschen Stadt und frage mich: In welcher Tarifzone befindet sich mein Ziel? Ist das noch Kurzstrecke? Tarifstufe 2, 3, 4, 4+, 3N und nur an Werktagen oder auch vor 9 Uhr? Ist das nur bei abnehmendem Mond so oder nur an Dienstagen in Monaten mit einem „r“? 

Dabei schwebt stets die Angst über mir, mich dabei zu vertun und dann unter Schimpf und Schande aus der U-Bahn gezerrt zu werden, begleitet von mitleidigen bis gehässigen Blicken, um für meine Verwirrung Strafe zu zahlen. Dass man für solche Missgriffe in Deutschland sogar ins Gefängnis kommen kann bei Wiederholung, lasse ich lieber mal außer Betracht. 

Einfachheit schlägt Preis

Seit dem 1. Juni fühlt sich Bahnfahren und vor allem der ÖPNV anders an: Für neun Euro hat man jetzt ein Ticket in der Hand, das in (nahezu) allen Nahverkehrsverbindungen gilt. Das heißt: Wo auch immer in einer Stadt ich jetzt einsteige, ich muss mir nur noch Gedanken über die richtige Linie und Richtung machen und nicht mehr über die korrekte Textauslegung kilometerlanger Tarifbestimmungen, die sich üblicherweise auch von Stadt zu Stadt unterscheiden. 

Was derzeit im deutschen Nahverkehr passiert, wird oft in düsteren Farben gemalt und als beinahe apokalyptisch beschrieben: Übervolle Züge, chaotische Zustände, Menschen, die wegen zu hohem Andrang nicht mehr einsteigen können und daher nicht ankommen. Das ist alles richtig, aber was noch deutlicher als die mangelhafte Planung der dreimonatigen Aktion wird: Die Menschen in Deutschland wollen mit Bus und Bahn fahren! 

Der Preis für das 9-Euro-Ticket ist dabei sekundär – viele zahlen sonst mehr fürs Auto. Was Menschen zum Wechsel auf die Schiene bewegt, ist vor allem eines: Es ist einfach. Man muss weniger nachdenken – einfach reinsetzen, abschalten, ankommen, aussteigen. Die Einfachheit als Argument ist so oft der entscheidende Punkt. Was hat man in den frühen Jahren des 21. Jahrhunderts über die Kostenlos-Mentalität beim Thema Streaming von Filmen und Musik schwadroniert. Unglaublich viel kulturpessimistischer Mist ist da fabriziert worden in Medien weltweit. Als dann einfach zugängliche Services wie Netflix und Spotify an den Start gingen, wurde jedoch klar: Menschen sind nicht gierig, sondern faul. 

Das Leben muss nicht immer kompliziert sein

Menschen sind faul, und das ist gut so: Sich unnötig Mühe und Aufwand machen ist aus so vielen Gründen völlig unsinnig. Der Weg des geringsten Widerstands ist elementar betrachtet ein evolutionärer Antrieb: Das Leben sucht sich immer einen Weg, und zwar jenen, der am wenigsten Aufwand kostet und am nachhaltigsten wirkt. 

Mit diesem Prinzip im Kopf sollten wir Mobilität in Deutschland, befeuert durch den Andrang auf das 9-Euro-Ticket, denken: einfach zugänglich und mit möglichst wenigen „Wenns“ und „Abers“. Das mag jetzt für die deutsche Bürokratenseele ungewohnt und eine Herausforderung sein, aber eigentlich wollen wir es alle lieber einfach als kompliziert. 

Deutsche Kleinstaaterei ist nicht gottgegeben, und auch wenn wir Kompliziertheit und Mühe aus Prinzip gerne mit Tradition verwechseln: Es geht anders und genau das könnten wir jetzt lernen. Es gibt Stellen, an denen muss das Leben in all seiner Komplexität erfasst werden, das ist klar. Zu grobe Vereinfachung bedeutet leider manchmal Ungerechtigkeit. Leben ist nicht immer einfach, aber der öffentliche Nahverkehr gehört nicht dazu. Der darf einfach sein, wirklich!