Entstand das Coronavirus bei einem Labor-Unfall? Der Hamburger Forscher Roland Wiesendanger ist der Meinung: ja. In einem Interview mit dem Magazin "Cicero" warf er zudem Christian Drosten und weiteren Virologen gezielte Täuschung zum Ursprung der Corona-Pandemie vor. Drosten reagierte darauf empört. Der Streit wird heute vor Gericht entschieden.

Im Streit zwischen dem Virologen Christian Drosten und dem Nanowissenschaftler Roland Wiesendanger um Äußerungen zum Ursprung des Coronavirus hat das Landgericht Hamburg am Freitag Vertreter beider Seiten angehört, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Die Kammer tendiere dazu, ihre einstweilige Verfügung vom 14. März gegen Wiesendanger zu bestätigen, erklärte der Vorsitzende Richter Florian Schwill zu Beginn der Verhandlung. Mit der auf Antrag von Drosten erlassenen Verfügung hatte das Gericht dem Hamburger Nanowissenschaftler untersagt, dem Berliner Virologen eine gezielte Täuschung der Öffentlichkeit vorzuwerfen.

Ist die Labor-These eine "Verschwörungstheorie"?

Wiesendanger hatte den Vorwurf in einem Interview des Magazins «Cicero» erhoben, das am 2. Februar dieses Jahres unter der Überschrift erschienen war: «Stammt das Coronavirus aus dem Labor? - "Herr Drosten hat Politik und Medien in die Irre geführt"». Dabei bezog sich Wiesendanger vor allem auf einen offenen Brief, den 27 Virologen am 19. Februar 2020 in der Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlicht hatten. Darin wiesen sie die Behauptung, das Virus habe keinen natürlichen Ursprung, als Verschwörungstheorie zurück. Nach Erscheinen des Interviews in «Cicero» hatte Drosten Wiesendanger abgemahnt und die einstweilige Verfügung erwirkt.

Wiesendangers Anwalt, Lucas Brost, appellierte an das Gericht, die Tragweite der Diskussion zu berücksichtigen. «Das die Bevölkerung meistbewegende Thema der letzten zwei Jahre muss in maximaler Meinungsfreiheit diskutiert werden», sagte er. Wiesendanger selbst forderte den nicht anwesenden Drosten auf, er müsse erklären, auf welcher Grundlage er damals die Labortheorie habe ausschließen können. Drostens Anwalt Gernot Lehr versicherte, sein Mandant führe diese Diskussion in aller Breite. Lehrs Kollege Stephan Schuck erklärte, man müsse den Zeitpunkt des «Lancet»-Beitrags beachten. «Zwischenzeitlich hat sich Herr Drosten sehr ausgewogen geäußert.»

Das Gericht kündigte für den Nachmittag eine Entscheidung an.

Ursprüngliche Meldung: Corona bei Labor-Unfall entstanden und vertuscht? Drosten wehrt sich gegen Vorwürfe

Aus Wiesendangers Sicht spricht etwa ein besonderes Merkmal von Sars-CoV-2 für einen nicht-natürlichen Ursprung des Virus: die sogenannte Furin-Spaltstelle. Dieser Teil in der Struktur des Spike-Proteins ermögliche es Sars-CoV-2, leichter in menschliche Zellen einzudringen. Die Spaltstelle sei zuvor für diese Gruppe von Coronaviren nicht bekannt gewesen, so Wiesendanger – habe sich dann aber im Erbgut von Sars-CoV-2 gefunden. So liege der Schluss nahe, sie sei eingebaut worden. US-Forscher hätten 2018 sogar einen Antrag auf Forschungsgelder für dieses Vorhaben gestellt, der aber abgelehnt worden sei.

Dazu erklärte Drosten am Freitag (4. Februar 2022) auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, es sei richtig, dass derartige Spaltstellen in der Untergattung der Sarbecoviren, zu der auch Sars-CoV-2 gehöre, bisher nicht gesehen worden seien. In anderen Coronavirus-Gruppen kämen solche Spaltstellen aber vor. "Gleichzeitig ist es vollkommen klar, dass das natürliche Spektrum von Sarbecoviren noch stark untererfasst ist", so Drosten.

Eine aktuelle Arbeit zu Fledermausviren habe gezeigt, "dass es durchaus Typen von Sarbecoviren gibt, bei denen die Entstehung einer solchen Furin-Spaltstelle nur ganz wenig zusätzliche Veränderung benötigen würde", erklärte der Virologe. So seien auch molekulare Grundvoraussetzungen, die die Entstehung solcher Spaltstellen begünstigten, vorhanden. "Daher lässt sich von der Furin-Spaltstelle bei Sars-CoV-2 – auch wenn sie tatsächlich eine Auffälligkeit darstellt – kein Nachweis auf einen nicht-natürlichen Ursprung führen", resümierte Drosten.

Mysteriöse Umstände: Wiesendanger vermutet Corona-Ursprung im Labor

Der Virologe hatte bereits im vergangenen Sommer, als die Vorwürfe eines Labor-Unfalls laut wurden, dem Schweizer Magazin "Republik" gesagt: "Man kann ein Virus nicht einfach in eine Glasschale legen, und schon macht man damit irgend­welche Experimente. Diese Idee eines Forschungs­unfalls ist für mich ausgesprochen unwahrscheinlich, weil es viel zu umständlich wäre." Drosten hält die Pelzindustrie für den plausibelsten Ursprungsort des Coronavirus, denn dort sei auch Sars-CoV-1 entstanden.

Ein weiteres Indiz für den Ursprung des Virus im Labor-Umfeld sieht Wiesendanger dem NZZ-Interview zufolge darin, dass am Institut für Virologie in Wuhan die "weltweit größte Datenbank für Coronaviren" im September 2019 abgeschaltet worden sei – unter nicht abschließend geklärten Umständen. Wenn man sie wieder anschalte, so sei er überzeugt, lasse sich über sie die Virus-Herkunft finden.

Drosten entgegnete, den konkreten Fall könne er nicht beurteilen, da er von der Abschaltung der Datenbank nur aus öffentlichen Medienberichten wisse. "Ich kann nur sagen, dass es nicht üblich oder verbreitet ist, solche Informationen in die Öffentlichkeit zu stellen", sagte er. "Auch inhaltlich kann ich hierzu nichts beitragen, da ich die Datenbank vorher nicht kannte."

WHO nennt Labor-Unfall "extrem unwahrscheinlich"

Eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war in einem Bericht zur Herkunft des Coronavirus zu dem Schluss gekommen, die Theorie, das Virus könne mit einem Labor-Vorfall zu tun haben und sei somit künstlichen Ursprungs, sei "extrem unwahrscheinlich". Die Debatte und Forschung zum Ursprung des Virus reißt aber auch zwei Jahre nach Pandemie-Beginn nicht ab.

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Wiesendanger, der an der Universität Hamburg arbeitet, vertritt schon länger eine konträre Position. Vor rund einem Jahr sorgte er mit einer Untersuchung für Schlagzeilen, in der er zum Ergebnis kam, dass sowohl Zahl als auch Qualität der Indizien für einen Labor-Unfall am virologischen Institut der Stadt Wuhan als Ursache der Pandemie sprächen. In der Kritik stand nicht zuletzt die Methodik der Arbeit – als Quellen nutzte er beispielsweise auch Youtube-Videos.

Die "Cicero"-Redaktion reagierte zunächst ihrerseits mit einem Tweet auf Drostens Kritik an dem Interview. "Wir halten die Kategorisierung unseres Gesprächspartners als "Extremcharakter" in diesem Kontext für nicht weiterführend", hieß es. Man biete an, ein Streitgespräch zwischen Wiesendanger und Drosten zu organisieren und zu dokumentieren.

mit dpa

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