Wie stark werden die Deutschen die Auswirkungen des Ukraine-Krieges tatsächlich zu spüren bekommen? Die "Wirtschaftsweise" Monika Schnitzer geht davon aus, dass der russische Angriffskrieg noch länger massive wirtschaftliche Folgen haben wird: "Dieser Konflikt macht uns alle ärmer", betonte Schnitzer in einem Interview, das müsse man "ehrlicherweise sagen".

Schnitzer ist Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung zur Beurteilung der wirtschaftlichen Lage. Aus ihrer Sicht sei es gut möglich, dass die Inflation - aktuell liegt sie bei 7,3 Prozent - noch steigen wird. Das hänge neben der Corona-Lage vor allem von der weiteren Entwicklung des Ukraine-Krieges ab, erklärte Schnitzer im BR24-Format "Thema des Tages".

Importstopp aus Russland würde Lage drastisch verschlimmern

Sie verwies auch darauf, dass Deutschland rund die Hälfte seiner Gaslieferungen aus Russland bezieht, außerdem rund die Hälfte seiner Kohle und etwa ein Viertel seines Öls: "Wir müssen einfach sagen, wir sind abhängig." Sollte Moskau den Gashahn zudrehen oder ein Embargo vonseiten des Westens kommen, würde das die Preise weiter nach oben schrauben: "Dann wird es nochmal deutlich schlimmer", warnte Schnitzer.

Auch eine Stagflation hält sie für eine reale Gefahr. Darunter versteht man eine Lage, in der zwar die Wirtschaftsleistung stagniert, gleichzeitig aber die Preise nach oben gehen. "Man muss an der Stelle sagen, die Unternehmen werden durch den Kostendruck sehr in Schwierigkeiten kommen." Schnitzer unterstrich, Deutschland müsse alles tun, um so schnell wie möglich unabhängig von Russland zu werden.

Das werde aber kurzfristig nicht gelingen. Außerdem appellierte sie an die Verbraucher, Energie zu sparen - etwa, indem sie seltener Auto fahren oder die Heizung niedriger stellen. Bedürftige müssen nach ihren Worten gezielt unterstützt werden, damit sie sich die hohen Energiekosten noch leisten können.

Höchste Inflation seit Jahrzehnten steht Deutschland bevor

2022 droht Verbraucherinnen und Verbrauchern die höchste Inflation seit der Wiedervereinigung. Die "Wirtschaftsweisen" warnten daher: "Die große Abhängigkeit von russischen Energielieferungen birgt das erhebliche Risiko einer geringeren Wirtschaftsleistung und höherer Inflation." Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) setzte am Mittwoch (30. März) die erste von drei Krisenstufen des Notfallplans Gas in Kraft.

Der Sachverständigenrat rechnet für das Gesamtjahr 2022 mit 6,1 Prozent Inflation in Deutschland. "Die Inflationswerte der kommenden Monate werden noch sehr starke Nerven erfordern", prognostizierte Friedrich Heinemann vom ZEW-Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. "Die Botschaft muss lauten: Ein Kaufkraftverlust ist ökonomisch unvermeidbar."

Einen kleinen Lichtblick gibt es für Autofahrer: Die Spritpreise sind wieder etwas gesunken. Nach ADAC-Angaben vom Mittwoch kostete E10-Superbenzin am Dienstag im bundesweiten Tagesdurchschnitt 2,048 Euro pro Liter. Das waren 1,6 Cent weniger als am Vortag. Der Dieselpreis gab demnach um 1,9 Cent auf 2,154 Euro pro Liter nach.

Der Krieg bremst die Wirtschaft, die die Corona-Krise noch nicht verdaut hat. Die "Wirtschaftsweisen" sehen inzwischen ein "substanzielles" Risiko einer Rezession in Deutschland, wie Volker Wieland, Mitglied des Sachverständigenrates, in Berlin sagte. Noch erwartet der Sachverständigenrat für dieses Jahr 1,8 Prozent Wachstum in Europas größter Volkswirtschaft. Für 2023 sagt das Beratergremium der Bundesregierung 3,6 Prozent Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) voraus. Im November waren die "Wirtschaftsweisen" für 2022 jedoch noch von 4,6 Prozent Zuwachs ausgegangen. Etliche Institute haben ihre Prognosen nach unten korrigiert. Lieferengpässe und steigende Energiepreise belasten.

Putin will als Bezahlung nur noch Rubel akzeptieren

Als Reaktion auf die harten Wirtschaftssanktionen gegen sein Land fordert der russische Präsident die Bezahlung von Erdgaslieferungen nach Westeuropa in Rubel. Deutschland und andere westliche Staaten lehnen dies ab. Doch Moskau zeigt sich unnachgiebig. Bis Donnerstag (31. März) würden auf Putins Anordnung die Modalitäten ausgearbeitet, damit das System "einfach, verständlich, transparent und umsetzbar" für die europäischen und internationalen Gasbezieher sei, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow nach Angaben der Agentur Interfax: "Keiner wird Gas umsonst liefern, und bezahlt werden kann es nur in Rubel."

Die Bundesregierung bereitet sich angesichts der Drohungen aus Moskau auf eine erhebliche Verschlechterung der Gasversorgung vor. Ein Krisenstab bewertet nun regelmäßig die Lage. "Die Gesamtversorgung aller deutschen Gasverbraucher ist aktuell weiter gewährleistet. Es ist ausreichend Gas an den Märkten vorhanden. Dies gilt sowohl für Haushaltskunden und soziale Dienste wie Krankenhäuser als auch für Fernwärme, Stromerzeugung sowie die deutsche Wirtschaft", erklärte das Bundeswirtschaftsministerium.

Bund muss Versorgung weiterhin gewährleisten

"Dennoch ist ab sofort jeder Gasverbraucher - von der Wirtschaft bis zu Privathaushalten - auch gehalten, seinen Verbrauch so gut wie möglich zu reduzieren." Minister Habeck versicherte: "Die Bundesregierung tut alles, um die Versorgungssicherheit in Deutschland weiter zu gewährleisten."

Die "Wirtschaftsweisen" rechnen mit dauerhaft höheren Energiepreisen hierzulande. Dadurch, dass sich Deutschland unabhängiger von Gas- und Ölimporten aus Russland mache, stiegen langfristig die Kosten, sagte Sachverständigenratsmitglied Veronika Grimm: "Die Energiepreise werden dadurch strukturell höher bleiben, als sie es vor dieser Krise waren."

"Die Menschen müssen jetzt weniger verbrauchen", betonte auch Monika Schnitzer. Sie sollten Fahrgemeinschaften bilden, langsamer fahren und wenn möglich den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Auch die Debatte über ein Tempolimit auf Autobahnen könnte wieder Fahrt aufnehmen.

Ukraine-Krieg könnte Unternehmen in Existenznot bringen

Zugleich fordert die Wirtschaft staatliche Unterstützung: "Angesichts des Kriegs in der Ukraine muss die Bundesregierung jetzt die wirtschaftliche Stärke der Unternehmen bewahren und an schnell wirksamen, zielgenauen und befristeten Maßnahmen arbeiten, um die Krise abzufedern", mahnte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. "Die deutsche Industrie sieht die Gefahr, dass Unternehmen wegen der Energiepreise oder aufgrund eines russischen Exportstopps von Energierohstoffen in existenzielle Schwierigkeiten geraten."

mit dpa

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