Nur drei Monate alt war das jüngste Kind, das die Polizei-Ermittlungsgruppe "Berg" aus einer Missbrauchssituation befreit hat. Das Baby sei von seinen Peinigern vergewaltigt worden, sagte am Mittwoch der Leiter der Ermittlungsgruppe, Michael Esser, in einer Pressekonferenz in Köln.

Insgesamt seien im Rahmen der Ermittlungen in den vergangenen beiden Jahren 65 Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 17 Jahren befreit worden. Die Mitglieder der Ermittlungsgruppe hätten "enormes Leid gesehen", was zu psychischen Belastungen geführt habe, sagte Esser.

65 Kinder und Jugendliche von Vergewaltigern befreit: Selbst erfahrenste Ermittler erschüttert

Die Situationen seien teilweise "sehr surreal" gewesen, etwa wenn die Kinder nach der Trennung von den Missbrauchstätern geweint hätten.Zum Beispiel habe sich ein Mädchen in Aachen während einer Anhörung verzweifelt an ein Stofftier festgeklammert, das es von seinem Onkel geschenkt bekommen habe.

"Die Tragik in dieser Aussage nahm uns alle mit, denn dieser Onkel war unser Tatverdächtiger, der ihr unbeschreibliches Leid angetan hatte", heißt es in einem Bericht des Einsatzleiters. "Selbst die erfahrensten Ermittlerinnen und Ermittler waren über die Schwere des Missbrauchs erschüttert."

Der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach beschreibt ein großes Geflecht von Verdächtigen, die sich im Netz über Kindesmissbrauch austauschten. Der Fall kam ins Rollen, als Ermittler im Herbst 2019 bei einem Vater in Bergisch Gladbach zu einer Durchsuchung anrückten. Über seine Kontakte kamen sie immer mehr Verdächtigen auf die Spur.

Ermittlungsleiter: "Wir haben Tatverdächtige aus allen Gesellschaftsschichten"

Man könne nicht davon reden, dass Kindesmissbrauch ein Verbrechen vom Rand der Gesellschaft sei, sagte Esser. "Wir haben Tatverdächtige aus allen Gesellschaftsschichten", sagte er. Darunter seien Leute, die von außen betrachtet ein völlig normales Leben geführt hätten: "Die gingen ganz normal ihrer Arbeit nach." In den meisten Fällen hätten die Ehefrauen keine Vorahnung gehabt, was mit ihren Kindern passiere.

"Die BAO hat Maßstäbe gesetzt, sie hat die Polizei und auch die Gesellschaft nachhaltig verändert", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Es sei auch ihre Leistung, dass sexueller Missbrauch nicht mehr totgeschwiegen werde. Nun ende zwar die BAO - aber nicht der Missbrauch, nicht die Kinderpornografie. Die Polizei werde nicht nachlassen, Täter zu verfolgen, versicherte Reul. "Niemals."

"Die BAO Berg hat uns mit Straftaten in unvorstellbaren Dimensionen konfrontiert", sagte Reuls Kollege aus dem Justiz-Ressort, NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU). "Das sollte uns Mahnung und Verantwortung zugleich sein. Der Staat muss da Stärke zeigen, wo die Opfer besonders schwach sind." Sexueller Missbrauch von Kindern habe oft auch eine digitale Dimension, so Biesenbach. "Darauf müssen Strafverfolger eingestellt und vorbereitet sein."

Datenmenge ist riesig: 30.000 Verdächtigungen theoretisch möglich

Die noch verbliebenen, belastbaren Spuren der Ermittlungsgruppe sollen auf anderen Ebenen weiter verfolgt werden - in diesen Fällen erwartet die Kölner Polizei aber nicht mehr das Aufdecken akuter Missbrauchstaten.

Die Menge der Daten, auf der die Kölner Ermittler nun sitzen, ist gleichwohl riesig. Durch die Auswertung gefundener Datenträger waren sie nach eigenen Angaben auf Spuren gestoßen, die in der Theorie zu mehr als 30.000 Verdächtigen führen könnten. Da sie sich in Foren, Gruppenchats und in Messengerdiensten aber hinter Pseudonymen verbergen, ist die Identifizierung extrem schwierig. Dass am Ende 30.000 Anklagen erhoben würden, galt wegen der technischen und rechtlichen Gegebenheiten als utopisch.

Insgesamt stellte die BAO Berg rund 4700 Datenträger sicher. "Um es mal ganz platt zu sagen: Die Keller hier im Polizeipräsidium sind voll mit sichergestellten Festplatten, Computern und Handys", sagte Polizeipräsident Jacob. Sie bedürften alle noch der Auswertung.