"Du musst Mutter werden" - Diesen Satz hörte die heute 26-jährige Marisa aus dem Kreis Altenkirchen vor ein paar Jahren, als sie ihrem Vater erneut erklärte, dass sie nie Kinder haben will. Schon damals zog die junge Frau eine Sterilisation in Betracht. Ihr Vater zeigte kein Verständnis für seine Tochter. Dennoch blieb Marisa sich und ihrem Wunsch treu: Sie wollte sich in ihren Zwanzigern sterilisieren lassen. 

"Eigene Kinder wollte ich noch nie", erzählt die Hobbyfotografin im Gespräch mit inrlp.de. "Ich hatte nie das Verlangen nach diesem 'klassischen' Familienmodell." Während schon mit 16 Jahren ihre Altersgenossinnen von einer großen Familie träumten, wusste Marisa damals schon: "Das war für mich noch nie ein Thema." 

Sterilisationen bei jungen Frauen führen nur wenige Ärzte durch

2016 begann Marisa zu recherchieren, welche Alternativen es zur Pille gibt, nachdem in ihrer Familie gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit dieser Verhütungsmethode aufgetreten waren. "Ich habe damals aber den Weg noch nicht gefunden."

Ein Schlüsselerlebnis geschah dann 2018, das den Knoten platzen ließ. "Ich war in einer Beziehung und hatte den Verdacht schwanger zu sein." Und das trotz Pille. Ein Horrorszenario für Marisa. "Für mich stand immer fest, wenn ich schwanger werden würde, würde ich das Kind zur Adoption freigeben oder abtreiben."

Ihre Periode war verspätet. "Ich hatte schon Panik gehabt, denn das war sehr unüblich." Auch erste typisch Symptome wie Bauchkrämpfe suchten die junge Frau heim. "Das war für mich abstoßend und ein Ekelgefühl." Am Ende setzte ihre Periode dann doch ein. Für die damals 23-Jährige fiel damit die Entscheidung: "Ich will nicht mehr schwanger werden können."

Hilfe beim Verein "Selbstbestimmt steril"

Zunächst suchte Marisa in den Städten in ihrer Umgebung - ohne Erfolg. E-Mails blieben unbeantwortet oder sie wurde sofort wegen ihres Alters abgelehnt. Es fand sich kein Arzt in ihrer Nähe, der sie mit 23 Jahren sterilisieren würde. Marisa erweitere ihren Suchkreis auf Köln und Frankfurt am Main. Im August 2019 stieß sie auf die Facebookgruppe des Vereins "Selbstbestimmt steril", bei dem die 26-Jährige mittlerweile auch Mitglied ist. Dort wurde ihr dann ein Arzt aus Hürth in Nordrhein-Westfalen empfohlen

Sofort schrieb Marisa Dr. Maucher an und erhielt prompt eine Antwort, die sie überraschte. "Man muss keine Gründe angeben und sie sterilisieren ab 25 Jahren." Bis zu ihrem Geburtstag waren es nur noch wenige Monate. Also vereinbarte sie ein Beratungsgespräch. "In einem Video geht Dr. Maucher auch offen damit um, dass er Frauen ab 25 Jahren sterilisiert", erklärt Marisa. Ein weiteres Argument, dass die junge Frau von dem Arzt überzeugt hatte.

Das Erstgespräch und auch der Tag der Operation verliefen sehr professionell. Es war wie bei einem routinemäßigen medizinischen ambulanten Eingriff. Nichts deutete darauf hin, dass die junge Frau ihre Zukunft verändern würde. Sie wurde offen empfangen. Es gab kein Klischee-Denken. "Er hat mich über die drei möglichen Methoden aufgeklärt." So konnte sie sich entscheiden, ob sie einfach ihre Eileiter durchtrennen lässt, sie komplett entfernen lässt oder sie durchtrennt und zugenäht werden.

Maucher erklärte Marisa auch, dass die Wahrscheinlichkeit schwanger zu werden, bei 0,2 auf dem Pearlindex liegt. Das bedeutet 2 von 1000 Frauen, bei denen dieser Eingriff durchgeführt worden ist, sind dennoch schwanger geworden. Im Vergleich zu 0,5 bis 0,9 bei der Pille ist das Risiko  geringer. Nach Angaben ihres Arztes seien sterilisierte Frauen meist schwanger geworden, wenn ein Mediziner gepfuscht hatte oder weil eine Eileiterschwangerschaft eingetreten war.

"Die Pille hat mich auch um die 80 bis 90 Euro im Jahr gekostet"

Die 685 Euro für den Eingriff musste Marisa selbst zahlen. "Das war für mich ok", sagt sie. Die Krankenkasse bezahle lediglich einen Teil, wenn eine Endometriose bei der Patientin vorliegt. "Die Pille hat mich auch um die 80 bis 90 Euro im Jahr gekostet", bilanziert die 26-Jährige heute. "Nach ein paar Jahren hast du das Geld nach einer Sterilisation wieder raus."

Die Offenheit, die ihr in Hürth entgegengebracht wurde, war während Marisas Recherchen bei vielen Ärzten ein Fremdwort. Häufig stieß sie auf Vorurteile und Klischees. Sogar ihr damaliger Frauenarzt wollte sie dazu überreden, weiterhin die Pille zu nehmen, obwohl ihm die Krankheitsgeschichte ihrer Familie bekannt war. Dabei nahm er auch solche Eingriffe vor: "Aber erst am 35, mit 2 oder 3 Kindern", wie Marisa berichtet.

"Niemand wird Sie in dem Alter sterilisieren"

Mittlerweile hat sie ihren Frauenarzt gewechselt. "Schon damals hat er den Eindruck auf mich gemacht, dass er zwar sehr kompetent in seinem Fachgebiet ist", erklärt die 26-Jährige, "aber auch sehr klischeehaft." Bei einer Routineuntersuchung hatte sie ihn auf den Eingriff angesprochen und wurde mit Aussagen wie "Sie sind viel zu jung" oder "Niemand wird Sie in dem Alter sterilisieren." abgefertigt statt mit einer Beratung oder Aufklärung. 

Zur Nachkontrolle nach dem Eingriff im Januar 2020 war sie ein letztes Mal bei dem Frauenarzt. Erneut wollte der Mediziner der damals 25-Jährigen die Pille empfehlen. Dabei hatte sie diese durch die Sterilisation nicht mehr nötig. Die Arroganz habe sich immer weiter gesteigert, sodass sie am Ende die Entscheidung traf, den Arzt zu wechseln. 

"Das war unter aller Sau"

Bis auf ihren mittlerweile verstorbenen Vater erfuhr Marisa überwiegend Unterstützung aus ihrer Familie. Ihre Mutter holte sie nach dem Eingriff auch in Hürth ab. Doch vor der OP gab es von ihrem Vater nur Druck. "Er dachte wohl, er könne mich damit umstimmen", resümiert die 26-Jährige heute. "Ich war sein einziges Kind." Er wollte unbedingt Großvater werden.

Er hatte sogar versucht, einen ihren damaligen Freund zu überreden, die Tochter davon zu überzeugen, dass sie eine Familie gründen will. Dabei wollten weder sie noch ihr damaliger Freund überhaupt keine Kinder. Für die damals 23-Jährige bleibt das bis heute unverzeihlich: "Das war unter aller Sau."

"Da kann man keine Kompromisse eingehen"

Auch beim Dating ist die junge Frau immer offen damit umgegangen, dass sie keinen Kinderwunsch hat. Eher früh als zu spät, spielte sie mit offenen Karten und erklärte, dass sie keinen Nachwuchs will. So kristallisierte sich heraus, ob es passt oder nicht. Denn wenn ein Kinderwunsch des Mannes im Weg gestanden hätte, wäre keine Beziehung entstanden. "Da kann man keine Kompromisse eingehen."

Dabei kam es dann auch vor, dass sie von Männern abfällige Bemerkungen hören musste. "Eine Frau, die keine Kinder will, taugt nur fürs Bett" war dabei wohl die Spitze des Eisbergs. "Da bin ich kein Typ für", erklärt Marisa.

Sterilisierte Frauen sind keine Kinderhasserinnen

Auch im Alltag wird sie mit negativen Bemerkungen konfrontiert: "Gerade auf dem Dorf bist du dann schnell der 'Kinderhasser'", berichtet sie. "Dabei habe ich nichts gegen Kinder. Ich engagiere mich sogar ehrenamtlich für sie." Aber sie lässt solche Sprüche nicht an sich ran.

Seit dem Eingriff ist die junge Frau ausgeglichener und fröhlicher geworden. Das bescheinigen ihr auch ihre Freunde und Familie. Sie sei mit sich selbst viel mehr im Reinen und lache mehr, sagt ihr enges Umfeld. "Für mich ist es sehr befreiend, zu wissen, dass ich nicht mehr schwanger werden kann."