„Es können Aussagen, Geräusche, Tätigkeiten sein, die jemand anderes als sexuelle Belästigung versteht“, erklärt Pauline von der Initiative Catcalls of Trier. „Sie sind nicht gewollt, werden aber dennoch ausgeführt.“ Catcalls - der Begriff kommt aus dem englischen Sprachraum. Sie sind kein Kompliment, sondern eine Belästigung. Das ist auch der Standpunkt von Pauline und Lisa von Catcalls of Trier. Die beiden setzen sich gegen Catcalling ein.

Anfangen hat die Bewegung im März 2016 in New York. Eine Frau hatte genug von den Belästigungen auf offener Straße, berichtet Pauline. „Sie hat sich das erste genommen, was ging. Das war in diesem Fall Kreide.“ Das postete die New Yorkerin in sozialen Netzwerken unter dem Namen catcalls of NY und die Bewegung nahm ihren Lauf.

Catcalls: "Geiler Arsch" ist kein Kompliment

So schwappte die Initiative wenige Jahre später auch nach Europa über. In Deutschland formten sich die ersten Gruppen 2019. Unter den Schlagworten ankreiden, Chalk Back oder stopptsexuellebelästigung posten deutsche catcallsof-Gruppen auf ihren Instagramseiten Fotos von ihren Aktionen. So wurde auch die Gruppe in Trier von Lisa und Hannah gegründet. Das Team von Catcalls of Trier kreidet, wie die übrigen deutschen Initiativen, auf der Straße an, wenn Frauen belästigt werden. Sie erhalten per Instagram-Nachricht die Geschichten hinter den Belästigungen. Diese fasst das Team zusammen und geht an den Ort des Geschehens, um mit Straßenkreide zu schreiben, was passiert ist.  

Lisa und Pauline berichten im Gespräch mit inRLP.de von verschiedenen Vorfällen aus Trier. Sie reichen von Pfiffen, Sprüchen bis hin zu Rufen wie „geiler Arsch“. Aber die beiden Aktivistinnen haben auch schon von Situationen erfahren, die über die verbale Belästigung hinaus ging. Ein Mann habe neben einer Frau einfach masturbiert. Pauline berichtet zudem davon, dass gerade 13- bis 15-Jährige am meisten Catcalls erfahren. Daher kreideten die Trierer häufig auch das Alter der Opfer an. Doch nicht nur junge Frauen sind betroffen. „Wir kreiden auch für Männer an“, berichtet Pauline. Vielen sei nicht bewusst, dass auch Männer Opfer von Catcalls werden können. "Offiziell umfasst die Definition nur die Belästigung von Frauen", erklärt Lisa. Aber in Trier würden auch Fälle von Männern angekreidet.

Dass sie etwas bewegen, merken Pauline und Lisa in ihrem Freundeskreis. Vor allem männliche Freunde sind für das Thema sensibilisiert worden. „Sie wussten nicht, dass es so ein großes Problem ist bis zu einem bestimmten Zeitpunkt“, erzählt Pauline. Auch bei weiblichen Freunden habe sich etwas geändert, berichtet Lisa: „Sie haben das früher unterschätzt.“ Mittlerweile sei ihnen bewusster geworden, was Catcalls mit den Betroffenen machen können. Die Aktivistin erzählt unter anderem von Frauen, die sich nicht mehr trauen Kleider zu tragen oder die sich nicht mehr alleine auf die Straße trauen, nachdem sie gecatcallt worden sind.

Catcall-Initiativen wollen ein Bewusstsein für das Problem schaffen

Auch beim Ankreiden können sie sich auf ihre Freunde verlassen. Pauline berichtet von einem Vorfall, bei dem ein Straßenmusiker am Trierer Hauptmarkt ausfällig geworden war, weil die Gruppe ihm sein Publikum wegnehmen würde. Pauline fühlte sich nicht mehr sicher in dieser Situation, also schrieb sie Freunden aus der Nachbarschaft, die sich einfach dazu gesellten. Der Straßenmusiker ließ von der Gruppe ab.

Dennoch berichtet Pauline auch: „Wir bekommen viele positive Rückmeldungen.“ So seien sie eines Tages von einer Gruppe Männer Mitte 20 angesprochen worden, die die Aktion befürworteten. Die Männer hätte den Aktivistinnen dann auch mehrere Flaschen Wasser gekauft, um ihnen etwas Gutes zurückzugeben. Lisa erklärt, dass es für sie immer ein freudiges Erlebnis ist, wenn sie beim Ankreiden angesprochen wird, weil so ein Bewusstsein für die Sache geschaffen werde „und die Leute darüber nachdenken.“ Ihr gebe genau das am meisten, „weil es genau das ist, was wir wollen“, sagt Lisa.

Doch wie können sich Menschen gegen Catcalls zur Wehr setzen? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, erklären Lisa und Pauline. Letztere berichtet von einem Vorfall, als sie zum ersten Mal einem Catcaller die Meinung gesagt hat: „Ich war richtig stolz, als ich die ganze Wut herausgelassen habe. Das hat richtig gutgetan.“ Zunächst sei es aber wichtig, dass Betroffene sich schützen, wenn sie sich bedroht fühlen. „Man darf sich nicht dazu verpflichtet fühlen, etwas zu entgegnen“, sagt Lisa. „Es geht immer erstmal darum, dass wir uns wieder sicher fühlen.“ Sie empfiehlt, mit einer Frage zu reagieren, wenn man sich sicher genug fühlt. „Da geht es um Machtverhältnisse“, schätzt Pauline. „Sie erwarten nicht, dass wir reagieren, sondern dass wir uns wegducken.“ Häufig sei das Gegenüber bei ihren Erfahrungen betrunken gewesen.

Das Heimwegtelefon verschafft ein Gefühl von Sicherheit

Viele Catcaller würden potenzielle Opfer nicht ansprechen, wenn sie nicht alleine sind. Da reiche auch ein Telefonat aus. So könne man auf dem Heimweg Freunde anrufen oder das Heimwegtelefon. Unter 030/12074182 erreiche man bis spät in die Nacht jemanden. Der oder die Ansprechpartner*in erfahre zu Beginn des Gesprächs auch, wo sich der Anrufer beziehungsweise die Anruferin befindet. So könne er*sie auch im Notfall Rettungskräfte alarmieren und zum richtigen Ort schicken. Unterwegs können Anrufer*innen beim Telefonat über alles Mögliche sprechen. Regelmäßig werde der Standort abgefragt. „Danach hilft es, darüber zu reden“, sagt Pauline. So zeige man anderen auf, dass Catcalls ein großes Problem sind. 

In Deutschland ist Catcalling nicht strafbar, wie Pauline und Lisa im Gespräch mit inRLP.de erklären. In Nachbarstaaten wie Frankreich und den Niederlanden sieht die Situation anders aus. "Es geht nicht darum, dass man es zur Anzeige bringt, sondern ein Zeichen setzt", urteilt Lisa. "Sobald es ein Gesetz gibt, dass es verbietet, hast du etwas in der Hand." Sowohl Pauline als auch Lisa hoffen, dass Catcalling bald auch in Deutschland strafbar wird. Die Chancen dafür gibt es, wie unser Kommentar berichtet.